Auch von den im Jahr 1510 geschnittenen Holzstöcken, Nr. 93 und 94, kommen Drucke ohne Text auf eben diesen Papieren vor, welche — ihrer Schärfe und Fehlerlosigkeit nach — ebenfalls vor der Edition von 1511 abgezogen sind und diesem ersten Etat zugezählt werden müssen.

Der schöne Titel, die Jungfrau mit dem Kinde auf dem halben Monde, B. 76, scheint erst kurz vor der Ausgabe mit Text geschnitten zu sein, denn es sind davon nur höchst wenige Abdrücke ohne Text vorhanden, welche, der Klarheit und Schönheit, wie den Papieren nach, für Probedrucke gehalten werden könnten.

Ob diese aber wirklich vor dem Text oder unmittelbar nachher abgezogen sind, bleibt zweifelhaft; denn ich habe keinen dieser Abdrücke von einer solchen Schärfe und Reinheit, namentlich in den Sternen, angetroffen, wie sie bei den besten Abzügen mit Text vorkommen. Auch ist auf denselben keine Spur der fünfzeiligen Ueberschrift in großen lateinischen Buchstaben sichtbar, welche, nach der Ansicht erfahrener Xylographen auf diesem — wie fast allgemein anerkannt — von Dürer eigenhändig geschnittenen Blatt, von dem Meister selbst eingeschnitten, nach dem Abdruck mit Text aber von dem Holzstock entfernt ist, wie die nicht seltnen späteren und stumpferen Abdrücke desselben, welche Papierrand haben, beweisen.

Die mir zu Gesicht gekommenen anscheinenden Probedrücke vom B. 76 haben sämmtlich das Wasserzeichen des Ochsenkopfes mit Kreuz und Blume, Nr. 20.

Obgleich von allen Holzstöcken des Lebens der Jungfrau Abdrücke des Ersten Etats vorhanden sind, so kann man doch nicht wohl, wie häufig geschieht, von einer Ersten Ausgabe vor dem Text reden, denn ich glaube nachgewiesen zu haben, daß Dürer diese Blätter theilweise zu verschiedenen Zeiten in den Handel brachte, auch ist mir bis jetzt — selbst in den berühmtesten und vollständigsten Sammlungen — nicht ein einziges Exemplar vorgekommen, bei dem die Abdrücke sämmtlich von diesem Ersten Etat wären.

Dürer erwähnt in seinem Tagebuche ebenfalls des Lebens der Jungfrau nur als großes Buch d.h. mit Text.

Nach Dürer’s Tode kommen dagegen Folgen von Abdrücken ohne Text, von sämmtlichen Blättern, jedoch mit Ausnahme des Titels vor, welche nach dem Papier und der Druckweise gleichzeitig genommen und in den Handel gebracht wurden.

Die Holzstöcke sind bei den ältesten dieser Folgen — wenngleich in einzelnen Kleinigkeiten verletzt — meist noch sehr wohl erhalten, und man kann manche der oft sehr sorgfältigen Drucke, wenn man nicht das hier untrügliche Papier mit seinen Wasserzeichen beachtet, nicht leicht von den Abdrücken des Ersten Etats unterscheiden. Auch von dem Titel kommen, wie bereits oben erwähnt, spätere Drucke ohne Text vor, die besseren auf Papier mit dem Wasserzeichen der Hand mit der Blume, Nr. 26, doch weit seltner und nie auf denselben Papieren der späteren Folgen, daher diese Platte gleich nach der Ausgabe mit Text von den übrigen zusammen gebliebenen Holzstöcken getrennt und in andere Hände gekommen sein muß. —

Bei einzelnen der Holzschnitte aus dem Leben der Jungfrau giebt es übrigens noch einige besondere Kennzeichen, welche die Bestimmung der Priorität der Abdrücke erleichtern. 80 sind auf B. 84 — der Heimsuchung — ganz oben, zu den Seiten der in der Mitte befindlichen weißen Wolke, zwei kleine Fehlstellen, welche bei den ersten Drucken kaum sichtbar, schon während des Druckes der Ausgabe mit Text deutlicher werden und bei den späteren Abdrücken immer mehr hervortreten.

Auf Nr. 86, der Beschneidung, ist oben rechts in der Ecke eine weiße Fehlstelle, welche zwar auch auf früheren Abdrücken sichtbar, aber nur 3 Linien lang und etwa eine halbe Linie breit ist, während sie auf den Abdrücken nach dem Text vier Linien lang und ein bis ein und eine halbe Linie breit wird.