In England befinden sich ebenfalls noch manche Dürer’sche Zeichnungen im Privatbesitz, zum Theil aus der berühmten Sammlung des Sir Thomas Lawrence herstammend, aus welcher nach dessen Tode hundert Zeichnungen von Albrecht Dürer durch die Gebrüder Woodburn in London für 800 L. Sterling verkauft wurden.[68]

Eine bedeutende Zahl dieser letzteren Zeichnungen war früher im Besitz des französischen Generals Grafen Andreossi, welcher gleich nach der Einnahme Wiens im Jahre 1709 einen großen Schatz, durch ihre vollkommene Erhaltung besonders ausgezeichneter Entwürfe Dürer’s, an sich zu bringen gewußt hat. Andere kommen aus den älteren Englischen Sammlungen des Sir Peter Lely, W. Young Ottley, Lord Spencer, J. Richardson, P. Sanby, R. Cosway, sowie aus den bekannten Sammlungen des Chevalier Vicar und Denon.

Die Zahl der in den vorherbezeichneten öffentlichen Sammlungen enthaltenen Skizzen, Entwürfe und Zeichnungen übersteigt 1000 — und da ein großer Theil davon mit der Jahrszahl versehen ist, welche bis auf die ältesten Zeiten 1484, 1489, 1491 und 1494 hinauf reichen, so gewähren sie auch in Beziehung auf die Entwickelung unsers Künstlers die wichtigsten Anhaltspunkte.

Ueber die öffentlichen Sammlungen bemerke ich folgendes:

ad 1. Die Sammlung des Erzherzogs Albrecht in Wien ist für Dürer’sche Zeichnungen unstreitig die bedeutendste, da sie eine überwiegende Zahl ganz ausgeführter Zeichnungen, sowie Skizzen und Entwürfe zu mehreren seiner Hauptwerke enthält. Dieser Schatz — großenteils von den Kaisern Maximilian und Rudolph II. herstammend, früher im Schloß Ambras aufbewahrt — kam bekanntlich durch Tausch gegen Kupferstiche in den Besitz des Gründers jener Sammlung, des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen. Das Geschäft scheint durch den damaligen Conservator der Herzoglichen Kupferstich-Sammlung, Namens Lefevre vermittelt zu sein, wenigstens geschah durch ihn die Aussonderung des erhaltenen sehr zahlreichen Vorraths, aus welchem nur etwa 150 Blatt der Herzoglichen Sammlung einverleibt wurden, während die übrigen theils in die von Grünling’sche Sammlung in Wien, theils in andre Hände übergingen. Acht und vierzig der bedeutenderen dieser Zeichnungen sind in den von Mansfeld u. Co. in Wien veranstalteten Nachbildungen von Handzeichnungen dieser Sammlung durch wohl gelungene fac-simile auch dem größeren Kreise der Kunstfreunde bekannt geworden.

Die vorzüglichsten Zierden dieser Sammlung sind:

Die älteste Zeichnung Dürer’s als Kind vom Jahre 1484, sein eigenes Bildniß.

Die auf grünlich grauem Grunde mit der größten Sorgfalt ausgeführten weiß gehöheten Zeichnungen einer Passion aus den Jahren 1504 und 1505, welche von ähnlichen Darstellungen Dürer’s in seinen Kupferstichen oder Holzschnitten durchgehends abweichen.

Die prachtvollen großen meist sehr vollendeten Portrait-Zeichnungen, aus den Jahren 1508, 1514, 1518 und 1521, darunter die meisterhaften Brustbilder des Kaisers Maximilian und Ulrich Varnbühlers.