Sie lag und lächelte und blinzelte zuweilen aufs Meer hinaus, eingehüllt in Sonnenschleier. Wie eine jener Frauen war sie, deren Wangen zart wie junge Rosenblätter sind und die fünfundzwanzig Männer ruiniert haben — du aber gehst an ihnen vorbei und schlägst das Kreuz und sprichst: Heilige Unschuld, sie war die Mutter Gottes oder wenigstens eine ihrer nächsten Verwandten —

Ich lachte: Gott, der Herr, sende sie mir in den Weg —

Am vierten Tage war der Mast in Sturmvilla verstaut. Einen großen Stoß mußte ich noch vor der Tür aufstapeln. Da lag er nun, der so viele Seemeilen weit gewandert war und noch immer strömte er die Sonne ferner Meere aus und den Geruch fremder Küsten. So oft ich ein Scheit verbrannte, sah ich merkwürdige Dinge: Papageien und Affen, die sich an den Schwänzen schwangen, pechschwarze Negerweiber — und einen Dampfer, der über das öde Meer in wolkigen Mondnächten zog, und seine Masten wanderten still und stolz dahin.

XXIII

Von Rosseherre sah ich all die Tage nichts. Und um die Wahrheit zu sagen, ich sehnte mich auch nicht nach ihr. Zu meinem größten Erstaunen machte ich die Entdeckung, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen war. Mein Herz schlug in einem andern Takt, meine Gedanken hatten einen andern Kurs, genommen. Ich betrachtete die ganze Welt unter einem andern Winkel, mehr von der Seite, wenn ich so sagen darf. Die großen Stürme waren schuld daran. Sie hatten meine Seele blank- und glattgeschliffen und alles weggefegt. Wenn ich zurückblickte, so schüttelte ich voll Verwunderung den Kopf: wie viele Monate waren doch seit den großen Stürmen und dem Schiffbruch der „Indiana“ vergangen? Alles lag weit dahinten, blaß und fern. Der Sturm hatte mich in Schwung gebracht und ich konstatierte mit großer Genugtuung, daß meine Seele mit all ihren Knoten dahinsegelte und die Dinge überholte. Ich blickte geradeaus: mochte kommen, was da wollte, es sollte mir willkommen sein — —

Jean Louis erzählte mir beim Fischen draußen, daß Rosseherre lache und schreie und einen der schwersten Anfälle von Gemütsstörung habe. Sie tat mir leid, sonst fühlte ich nichts. Dann erfuhr ich, daß es ihr um vieles besser gehe, das freute mich.

Ich dachte zuweilen an ihre verliebte Trunkenheit und die maßlose Leidenschaft, die in ihrem kleinen braunen Körper hauste — aber wenn du jetzt kommst, Rosseherre, so werde ich sagen: guten Tag und wie geht’s, sonst nichts. Ja, wenn die Königin von Honolulu kommt, von der man behauptet, daß sie alle Frauen an Liebreiz übertrifft, so werde ich sagen: guten Abend, gnädige Frau, und mein Pfeifenrohr ausblasen: fff —

Das war das Meer, nichts sonst. Ich habe Seeleute gekannt, die von heute auf morgen eine funkelnagelneue Seele bekamen und alles mit einer unverständlichen Naivität hinter sich ließen, Schulden, Versprechungen, Gewissensbisse — ja, nun verstand ich sie.

Meine Vergangenheit war wie weggeblasen und ich saß auf dem Strich zwischen Vergangenheit und Zukunft und freute mich.

Ich war nicht so töricht mir sofort wieder eine Vergangenheit anzuschaffen. Nein, ich genoß diesen wunderbaren Zustand, mit einem neugeborenen Herzen einherzugehen, in vollen Zügen. Ich lebte allein und der Herr sandte mir Erleuchtungen.