Ein paar Tage später bemerkte ich, daß kein Wasser in der Tonne war. Es hatte in den Nächten heftig geregnet, aber im Faß war kein Tropfen Wasser. Ich untersuchte die Tonne, ja, sie war leck. Am untern Rand war eine Daube beschädigt. Poupoul beschnupperte einen Stein, der neben der Tonne lag. Aber das fiel mir erst später auf.

Ich dachte an nichts.

Es kamen trübe und mutlose Tage. Sie sahen aus wie die Gesichter Verzweifelter, die dahingehen ohne Ziel und zuweilen stehen bleiben um sich auf etwas zu besinnen, was ihr kranker Kopf längst vergessen hat.

Das Meer warf sich stöhnend hin und her. All die irrenden Wellen — sie waren Menschen, Tausende und Tausende von Menschen, die dahin gehen und dorthin und untergehen und niemand hat gesehen, wann und wo. Nicht so! Laß den Sturm kommen, den gewaltigen, denn herrlich ist ein wilder Tod. —

Die Fischer fuhren nicht hinaus. Auch Jean Louis nicht. Ich konnte mit harten Talern in der Tasche klimpern, der Meerkönig blieb taub.

„Ich habe Furcht!“ heulte er.

„Wenn du schon Furcht hast, Meerkönig —!“

Ich strich über die Insel, eine Falte in der Stirn und lauschte auf das Toben des Meeres. Als stände ich in der Mitte eines Wasserfalls, so klang es. Der Himmel war voller Schmutz und Unrat und trübe Wolkenfetzen hingen senkrecht aus ihm herab und schleiften über Insel und Meer. Die Falte in meiner Stirn wurde tiefer. Ich ging nicht nach Creach. Nein. Yvonne — ich hatte keine törichten Gedanken im Herzen. So kam ich nach Stiff in die Markonistation.

Tagelang arbeitete ich hier, so eifrig, als sollte ich bald eine entscheidende Prüfung ablegen. Wir sprachen mit grünem Feuer und Ozon zu den Unsichtbaren, wie Geister sich unterhalten. Wie es roch! Wie in den Wäldern meiner Heimat nach Regengüssen.

Herr Boucher handhabte den Drücker und die grünen Blitze sprangen zwischen den blanken Konduktoren und schnarrten und knatterten, zuweilen war der Dampfer, mit dem wir sprachen, ganz nahe und wir konnten seine Rauchfahne am Horizont sehen. Oft aber waren sie fern. „Geben Sie uns bitte Ihren Punkt!“ Trr—trr—tack—tack—trr— das war sein Punkt. Gott stehe uns bei, wo war er? Er war noch westlich von den Azoren. Wir arbeiteten geduldig und ruhig. Manchmal mußten wir eine Frage dutzendmal depeschieren, bis wir verstanden wurden. Seit zwei Tagen suchten wir uns mit einem Dampfer zu verständigen, an dessen Bord sich Mr. William Finch befand. „Ihr Koffer folgt mit dem nächsten Schiff.“ Trr—trr— „Ihr Koffer folgt mit dem —“ Immer, wenn Herr Boucher eine freie Viertelstunde hatte, jagte er diese Depesche in die Luft. Zuweilen wurde die Verbindung plötzlich durch Gott weiß was unterbrochen und erst Stunden später hörte man uns wieder. All die kleinen Worte, die durch die Luft schwirrten! Wir sandten täglich einige Säcke Küsse übers Meer. Wir waren diejenigen, die Herrn Schmidt, Edgar Schmidt, tausend Seemeilen entfernt, in einen Freudentaumel versetzten, da wir ihm mitteilten, daß seine Frau Anna mit den Kindern im Hotel de Commerce in Cherbourg ihn erwarte. Er sitzt im Rauchsalon, dieselbe zerlesene Nummer der Fliegenden Blätter in der Hand, und sieht gelangweilt durch das kleine Fenster, wie die Reling sanft steigt und fällt, der Streifen Meer wird schmal, breit, seit Wochen schrumpft und wächst dieser Streifen: Herr Schmidt, Herr Schmidt! Siehst du, wie es ihn trifft? Zum Teufel, mein Hut! Trr—tack—tack— wie rasch er gewesen ist! „Bin gesund und wohlauf.“ Sonst fiel ihm in der Eile nichts ein.