„Was ist denn in dem Papier, Rosseherre?“
„Öffne doch.“
Es war ein Klumpen Honig darin.
„Die Schiffe auf dem Meeresgrund brechen auf,“ sagte Rosseherre. „Jean Louis hat eine große Büchse gefunden. Auch einen Ballen Feigen, doch sie waren verdorben.“
Aber Rosseherres Worte wurden von einem leisen Wimmern erstickt. Und plötzlich weinte sie laut und herzzerbrechend, wie ein Bauernmädchen weint, das Kummer hat.
„Rosseherre?“
Rosseherre schüttelte den Kopf und die Tränen sprangen ihr über die Hände und durch die Finger hindurch. „Ich weiß es nicht,“ sagte sie, „aber ich habe Angst. Wenn es stürmt, so bricht mein Herz. Ich muß an Vater denken und an den Tag, da Diaul angehetzt kam. Diaul war Vaters Hund, eine Dogge, so groß wie ein Kalb und ganz wild. Niemand durfte ihn anrühren, nur Vater. Vater besorgte die Post von der Küste herüber. Er hatte ein hübsches Boot, er war ja Pilot. In einem Vierteljahr waren schon zwei Postboote untergegangen und da übernahm Vater die Post. Einmal nun war das Meer hoch, es wehte, aber es war kein Sturm. Da kam Diaul angehetzt. Seht, sagte ich, Vater ist zurück, da haben wir Diaul schon. Er troff von Wasser, aber Vater warf ihn oft ins Wasser, es fiel uns nicht auf. Diaul, willst du nicht Ruhe geben? Er war wie ein Narr, er sprang an mir empor und kläffte. Er war auch gar nicht böse, ich schlug ihn auf die Schnauze, auch das ließ er sich gefallen. Mit einem Male fing ich an zu schreien und ich lachte doch noch. Ich verstand Diaul! Ich verstand auch plötzlich, weshalb vor einer Viertelstunde mein Herz auf einmal stillgestanden war. Denn es war stillgestanden und hatte sich nicht mehr gerührt! Ich lief hinter Diaul her, alle liefen wir hinter ihm her, einer hinter dem andern, quer über die Insel. Und ich war die erste von allen. Da lagen die Trümmer von Vaters schönem Boot in den Klippen und Leichen. Acht Menschen sind ertrunken in der Brandung, auch Vater. Man fand ihn nicht. Nur Diaul konnte sich retten.“
Sie weinte mit zusammengepreßten Augen und Lippen. Ich legte meine Wange an die ihre und schaukelte sie leicht hin und her wie ein Kind. Mein Gesicht wurde naß von ihren Tränen.
„Diaul, mein armer Diaul!“ wimmerte Rosseherre. „Wir hatten ihn so gern. Da irrte er umher und verwilderte und bellte in den Nächten da draußen bei den Klippen, wo das Boot gescheitert war. Dann ging Noel mit seiner Büchse hinaus und ich hörte es knallen und dann kam Noel und sagte: nun ist Diaul tot.“
Rosseherre weinte leise und fuhr fort: „Ich hatte auch einen Bruder. Er hatte einen langen Schnurrbart. Er war ein wilder Mensch und er trank wie alle. Aber er liebte mich. Oft sagte er zu mir: Rosseherre! und klopfte mir auf die Wange. Sie fuhren hinaus zum Fischen und er kam nicht wieder. Und ich hatte den ganzen Tag solch schreckliche Angst! Ich sah ja, sah es ja, wie er über Bord stürzte und sein roter Schnurrbart schwamm auf dem Wasser. Ich ging hinunter zum Hafen und wartete. Ich wußte wohl, Emile kommt nicht wieder, aber ich wartete trotz alledem und betete. Da kam das Boot herein. Der Patron sagte: Rosseherre —? Sonst sagte er nichts. Später sagte er zu mir: der Strom nahm ihn mit sich, sein Schnurrbart schwamm, aber wir konnten ihn nicht mehr einholen. Ich saß und betete für seine Seele, und als es dunkel wurde, kam Jean Louis und sagte: nun, Rosseherre, es wird Nacht.“