Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können.

Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind, während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen, raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich.

Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge schon bis Hannover vorstecken.

Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde — wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam.

Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und mutig geht ihm der Schritt entgegen.

Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die Joachimsthaler Straße hinabwanderte.

2

Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht. Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz schlug im Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett.

Endlich, am sechsten Tage, kam er.

„Hier ist ein Brief, kleine Braut“, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester. Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche.