Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst gekehrt: da sah er — nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan oder Kimono von einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban, orangerot, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm — sofort fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball, jener Stumme, der immer mit einer merkwürdigen Schale rasselte! Es ging das Gerücht, eine hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas phantasielosen Maske.

Also er — Otto —?

Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich hatte er absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen.

Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf?

Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der Straßenbahn zu hören. Wohltuend und beruhigend das Grün der hohen Wipfel, und da droben, da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt unhörbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus.

Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim rechten Auge.

Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht. Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so nötig er auch Erholung brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da draußen hatten ebenfalls keinen Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam.

Diese halbe Stunde jeden Morgen — eine volle halbe Stunde, ja, es ging nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen — diese halbe Stunde morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln.

In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen und sich mit seinen persönlichen Angelegenheiten beschäftigen.

Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich diese störenden Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschluß, zu dem er sich jetzt beglückwünschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen — ja, schon kamen sie jetzt, die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen — das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth — nun es würde auch für Ruth gesorgt sein.