Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein Gentleman!
Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber baute Hedi neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere!
Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie hätte alt werden können dabei. Wie töricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war, nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die Kreuzzüge zurückging.
Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee. Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit — und zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel . . .
Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. „Schläfst du, Hedi?“ flüsterte Klara. „Guck’ doch mal den Mond an, wie er fliegt.“ Hedi antwortete nicht, und Klara beugte sich über ihr Bett. „Ah, du schläfst ja doch nicht“, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie, Hedi, soeben in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor den Augen, Ströbel steuerte — wenn ein Pneu platzte, konnte es eine Katastrophe geben.
Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und gleißendes Licht floß durch ihre Adern.
Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.
10
Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel.
Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr? Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist — Lüge.