Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. — Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer ähnlich sehen kann. — Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden hineingehen.
Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk nur ein Provisorium war . . .
Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte durch sie hindurch!
Da war er also wieder, seht an . . .
Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur — ein sonderbarer Zufall — einen Zipfel dieses Mantels verschwinden sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt — eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte — schon an der Front, was ihm von gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde.
Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm nicht entgehen.
Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der General in Sicht kam.
Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, die der General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts — ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte — oder täuschte er sich — ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.
Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe — so wie man eine Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit, wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht, seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und gleichgültig.
Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals — keine Angst, nicht die geringste.