Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben — eine blutrote, blutrot leuchtende Flagge!
Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt, einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen, um sich damit die Nase zu putzen. Und hier — ohne weiteres — wie die natürlichste Sache der Welt — eine rote Flagge, eine rotleuchtende Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht, zwinkerten —
Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und Bleibergwerke — über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, funkelte sie.
„Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?“ Er meinte die Wilhelmstraße.
Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die Linden hinabschoß.
Diese Flagge — getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher Würdenträger . . .
Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern —
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„Ich glaube!“