Im Hotel du Cerf – ein vernachlässigtes, schmutziges, ödes Hotel, das ich hiermit verfluche! – spielen ein paar Kriegsfreiwillige, noch den Schmutz der Gräben an den Stiefeln, einen flotten Tango, in einer Nebenstraße marschieren Soldaten und singen ein fröhlich schallendes Lied. Plötzlich knallt es: ein Flieger.
In das ewige Getrappel der Pferde und Tuten der Automobile tönt getragene Musik. Der Chopinsche Trauermarsch. Ein Major wird zur letzten Ruhe geleitet. Wieder tuten und trompeten die Autos. Am Abend gehe ich selbst hinter dem Sarg eines gefallenen jungen Offiziers her zum Bahnhof. Ein Güterwagen nimmt den Sarg und die Blumen auf. Daneben steht eine Lore mit einem neuen Geschütz. Heute mittag passierte uns, nicht mir, eine äußerst peinliche Sache. Wir waren, ein paar Bekannte und ich, beim Delegierten des Roten Kreuzes zum Frühstück geladen. Wir wußten, daß ein junger Offizier gefallen war, der den Namen eines bekannten Sportmannes trug, aber wir wußten nicht, war es der bekannte Sportmann selbst oder sein Bruder. Ein Herr fragt bei Tisch: „Ist der bekannte Sportmann gefallen oder sein Bruder?“ Der Wirt sieht den Fragenden an und deutet auf einen anwesenden jungen Offizier: „Hier sitzt der Bruder des Gefallenen. Er ist der bekannte Sportmann.“
Ja, man soll hier außen nie derartige Fragen stellen.
An diesem Abend trafen wir in der Rue St. Jacques einen Dragoner, der in hohen Stiefeln dahinstampfte und lustig pfiff. Was pfiff er? Den Chopinschen Trauermarsch. Wir fragen: „Sagen Sie mal, was pfeifen Sie eigentlich da?“
Der Dragoner geschmeichelt, verlegen: „Es ist so ne neue Sache. Das Neueste, das man hat, von Berlin in den Theatern –“
Ein merkwürdiges Pflaster, dieses Douai! – Wenn die Sonne untergeht und die Lichter des Himmels verlöschen, versinkt die Gewitterstadt in Dunkelheit, in rabenschwarze Nacht. Die Estaminets, die kleinen Gastwirtschaften, die kleinen Cafés schließen. Kein Licht, kein Mensch, kein Hund. Der Beffroi, die Kirchen, Giebel, Bäume ragen schwarz und stumm zum Himmel empor. Eine verkohlte Stadt. Geht man über den Marktplatz, so schallt es, als käme eine Kompanie daher, und man erschrickt, solch einen furchtbaren Lärm zu machen. Man ist verloren und auf den „Cerf“ angewiesen. Hier ist wenigstens Licht. Aber es kommt vor, daß auch hier das Licht plötzlich ohne jede Warnung ausgeht und man eine Stunde im Dunkeln sitzt. Ein Flieger ist irgendwo. Die Wachen klappen auf ihren schweren Stiefeln draußen vorbei, Autos ohne Lichter schleichen dahin. Es knarrt von Rädern, Kolonnen, Transporte von Verwundeten. Douai ist tot. Aber horch!
Um so lauter und härter rollt der Donner der Geschütze. Wie die Brandung des wilden, nächtigen Meeres an einer schrecklichen, öden Küste.
Die Kämpfe bei Moulin-sous-Touvent
Im Juni
Der Franzmann – so nennen die Frontsoldaten den Franzosen – der Franzmann versucht sein Heil an verschiedenen Stellen, die ihm einige Aussicht auf Erfolg zu bieten scheinen. Seit sechs Wochen trommelt er oben bei Arras, und am 16. und 17. Juni sah es dort aus, als wolle er Frankreich in Grund und Boden schießen. Er hat keine Zeit mehr zu versäumen, das weiß er recht wohl. Vorwärts, Regiment um Regiment wirft er gegen die Gewehre, jeder Schritt kostet ihm Tausende. Bei Arras verbiß er sich, er kam nicht weiter, und so versuchte er es an andrer Stelle. Bei Moulin-sous-Touvent, etwa zwanzig Kilometer nordwestlich von Soissons. Er wollte durch, er wollte zum mindesten Truppen und Geschütze fesseln, abziehen von da oben, und er ging mit großartiger Energie zu Werke. Es war umsonst. Er gewann einen Graben, aber er bezahlte ihn zu teuer, viel zu teuer. Man legt sich hundert Meter dahinter, und nun liegt man wieder mit geschliffenen Zähnen, die Maschinengewehre stehen an ihrem Platz, Gräben, Drahtverhaue, alles wie früher.