Man steigt mit ganzen Kanonen von photographischen Apparaten hoch und photographiert die kleinste Falte im Antlitz des Feindes. Der Flieger rast mit hundert und mehr Kilometern dahin und hat nicht die Muße wie der Mann im Ballon. Der Ballon steht still. Er steht stundenlang da, tagelang, und wenn der Beobachter auch seekrank wird, er bleibt oben. Der Ballon ist das Auge der Artillerie, er beobachtet Kolonnen, Bewegungen des Gegners, das Aufblitzen feindlicher Geschütze, er dirigiert das Feuer der eignen.

Er ist, wie gesagt, eine ganz gefährliche Sache, und aus diesem Grunde hat er seine Feinde. Schrapnelle und Granaten tasten nach ihm. Gottlob treffen sie selten. Der Ballon geht tiefer oder höher, oder er reißt mit seinen sechs Pferden überhaupt aus. Sein kritischer Augenblick ist die Landung. Aber seine erbittertsten Gegner sind die Flieger, die Konkurrenz. Sie kommen in ganzen Schwärmen. Mein Begleiter, der Leutnant, wurde neulich von drei Flugzeugen gleichzeitig angegriffen, aber er riß nicht aus, fiel ihm gar nicht ein. Den Hauptmann besuchte neulich ein ganzes Geschwader, er bekam vierundfünfzig Bomben, aber er blieb oben in seinem Korb und beobachtete.

Es gehören Leute dazu!!

Wir steigen und steigen, und der Wind pfeift hier oben, daß mir das Wasser aus den Augen läuft. Die Landschaft wächst, die Welt ist plötzlich viel größer geworden.

Aber diese ganze Landschaft da unten, von Nordwest bis Südost, ist ein einziges riesiges Schlachtfeld, auf dem sich zwei Völker zerfleischen, weil das Schicksal es so will. Zwei Völker, die Kathedralen haben, Universitäten, Museen, Konzertsäle, Hospitäler, Sprachen, die den erhabensten Gedanken Ausdruck zu verleihen vermögen, die Männer hervorbrachten, die wie Fackeln über der Welt leuchten, zwei Völker, die Gedanken geboren haben, die die Welt regieren! – Nun liegen sie einander gegenüber in Erdlöchern, den Willen gespannt zum Töten, ihre Geschütze pochen und stampfen. Die Granatwolken wälzen sich in den Feldern, hier, da, dort, sie steigen aus den Dörfern, wohin man blickt. Und kein Mensch, kein Eisenbahnzug, kein Wagen ist zu sehen, keine lebende Seele weit und breit. Der Mensch hat sich vor dem Menschen verkrochen.

Das Licht ist kalt wie im September. Graue Wolken jagen dahin. Müde Sonne wechselt mit dunklen Wolkenschatten. Strichweise sieht die Landschaft aus wie durch ein gelbliches Glas gesehen, gealtert, zermürbt und zerknittert, müde des endlosen Mordens und Krachens der Granaten. Wie das Gesicht eines Schlaflosen. Strichweise friedlich und unbekümmert. Schornsteine rauchen in der Ferne, die Zechen, die der Franzose noch in Händen hat. Friedliche Weiler und Dörfer, von der schwachen Sonne beleuchtet. Aber plötzlich tanzt eine graue Wolke auf den Dächern, wieder eine, da, dort. Dörfer, die der Franzose befunkt, um seine Männer und Weiber zu töten. Lievin, Angres, Givenchy. Sie kauern geduckt neben Anhöhen in Wäldchen, aber die Granate findet sie doch.

In der Mitte liegt breit die Lorettohöhe, die verfluchte! Das Bois de Bovigny sitzt wie der Kamm eines Hahnes darauf. Der Wald ist dunkel, die Höhe selbst hell, gelbgrün wie Heide und unbestellte Felder. Von der Spitze des Waldes zieht quer über die Höhe eine breite lehmfarbene Schleifbahn bis hinab in die Talmulde, eine klaffende Wunde in der Höhe: das sind unsre Gräben, die der Franzose im Mai zusammenschoß. Weiter unten zieht, entlang der Talmulde, eine schmälere, neue Schleifbahn: das sind die heutigen Stellungen. Man erkennt sie sofort, denn graue und rostrote Granatwolken stehen darauf und wälzen sich im Winde.

„Sehen Sie das weiße Schloß?“ sagt der Leutnant. „In der Waldkuppe rechts von der Lorettohöhe. Dort! Das ist Schloß Noulette. Weiter hinten sehen Sie eine Ferme. Ferme Marqueffoes. In französischen Händen. Im Bois Bovigny sehen Sie zuweilen einen gelben Streifen. Der französische Annäherungsgraben. Auf dem Abhang dort neben der Baumgruppe stehen französische Batterien.“

Wir sehen alles, wir lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch.

Die Lorettohöhe wird flacher und flacher. Souchez erscheint, Rauch und Dunst liegt darüber, Ablain, die „Kanzel“, die unsre Grauen wie Teufel verteidigt haben. Das Hinterland taucht empor, Waldstreifen, Feldstreifen, ferner und ferner, bis zum Horizont.