Drüben liegt die Kuppe von Vauquois. Bis zum Kamm gehört sie uns. Dicht dahinter liegt der Franzose. Im Tal das Dorf Boureuilles. Mit bloßem Auge sieht man die Drahtverhaue der Franzosen, sie liegen im Tal hinter dem Dorf. Nach rechts aber, über dem Walde, liegt die berühmte Höhe 285, die unsre Tapfern vor acht Tagen stürmten.
Die Höhe ist braun und kahl! Es ist dem Menschen hier gelungen, den Wald weithin auszuroden, das muß man sagen. Die Bäume sind zerschmettert, liegen durcheinander, verkohlt und zerschossen, das Unterholz ist gänzlich verschwunden. Die Erde ist aufgewühlt. Gräben, Sappen, Sprengtrichter. Die Kuppe ist in hundert Risse geborsten. Ein Maschinengewehr bellt, die Gewehre husten. Ohne Pause wird da oben gekämpft. Ein schweres Geschütz feuert. Es kracht wie ein Donnerschlag, und das Echo poltert in den Schluchten.
Ziehe die Luft ein, riechst du es nicht? Es riecht wie in den Gängen eines Hospitals. Es riecht nach Chlor und allen möglichen Dingen. Diesen Geruch habe ich schon heute morgen verspürt, als wir uns dem Argonnerwald näherten. Dieser ganze Wald, trächtig von Feuchtigkeit, Erde und Wurzeln, hat diesen sonderbaren Geruch angenommen. Er stammt von den Gasbomben der Franzosen, von den Gasen der stündlich einschlagenden Granaten, von den Massengräbern, die mit Chlorkalk zugeschüttet sind.
Fürchterlich, dreimal fürchterlich muß es hier zugegangen sein! Der Wald hat seine Geschichte, und sie ist schrecklich wie die Geschichte wilder Meere. Heute noch findet man im Dickicht verstreut Leichen und Skelette. Man sieht in den Gebüschen einen Soldaten, das Gewehr im Anschlag, man ruft ihn an, er antwortet nicht. Er ist tot und in seiner letzten Stellung von den Dornen festgehalten worden. Man mußte sich den Weg bahnen wie in einem Urwald. Man bekam Feuer aus nächster Nähe. Man sah keinen Feind. Der Franzose saß auf den Bäumen, mit Maschinengewehren saß er oben. Man hörte den Gegner sprechen, die Offiziere Befehle erteilen, aber man sah nichts, rein nichts. Man grub sich gegenüber ein, schoß das Dickicht mit Maschinengewehren ab, um Luft zu bekommen, drang vor – der Feind zog sich zehn Schritt zurück, und es war die alte Sache. Es war ein Indianerkrieg und die Argonnen bilden ein Kapitel für sich in der Geschichte dieses Feldzuges. Hier gab es keine Pausen, keine Ruhe, hier wurde erbittert gekämpft, Tag und Nacht, viele Monate hindurch, und das Wasser in den Gräben stand häufig bis zur Hüfte. Man lag sich und liegt sich an manchen Stellen zehn Schritt gegenüber, ein lautes Wort bedeutet den Tod. Handgranaten, Minenstollen und Wurfminen.
In den letzten Wochen fanden hier wütende Gefechte und Schlachten statt, am 2. Juli, am 14. Juli – doch davon später. –
Ein Knüppelweg führt ins Tal hinab. An einer verborgenen Stelle wartet unser Auto. „Hat er hergeschossen?“ Nein – na, also los!
Wir fahren eine Strecke in Sicht des Feindes, wir jagen in eine zerschossene und zerstörte Stadt hinein. Sie erinnert an eine zerfallene italienische Ortschaft. Es ist Varennes. Jene Stadt, in der Ludwig XVI. mit seiner Gemahlin auf der Flucht erkannt und festgenommen wurde. Varennes ist ständig unter Feuer. Das Auto beginnt wie toll zu jagen. Es fegt eine schnurgerade Chaussee hinab in einem Höllentempo. Eile tut hier not, denn wir fahren in etwa 1000 Meter Entfernung an den feindlichen Stellungen vorüber, und es ist eine Anfängeraufgabe, uns hier abzuschießen. Die Höhe von Vauquois, die Kirche von Montfaucon, oben auf einem Berge in der Abendsonne. Ein paar Granatfahnen rauchen aus Apremont, während wir vorüberfliegen. Neben der Chaussee sind Serien von Granattrichtern. Sie sind ganz frisch, die Erde liegt noch locker und feucht. Der Abendsegen. –
Die Kämpfe in den Argonnen
Im Juli
„Les Argonnes, c’est l’enfer!“