„Man sollte es glauben,“ fuhr Grau fort. „Plötzlich nun sagt die Frau leise und zaghaft: Herein! und zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins Zimmer, obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.“
Adele lachte. „Aber so pflegt es ja in den Träumen zuzugehen!“
„Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir gewissermaßen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine silberne Kette um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir ein Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich nicht. Es war eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des Klanges. Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vögel, die zwitschernd in den Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich habe nicht gedacht, daß du heute kommst.“
„Verstanden Sie denn jetzt?“ unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhörte, während ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten.
„Ja,“ antwortete Grau, „ich weiß übrigens nicht, ob sie sich der fremden Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn ich hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging sie näher und legte ihre Hand auf meinen Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren klar und hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. — Ich wiederholte das gleiche. — Wie sagst du? Wiederum sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? Sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst du mich denn nicht mehr? — Ich schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich sah sie an und nun schien es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles verwirrte sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie noch nie gesehen hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf die silberne Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? — Nein. — Aber sie ist von dir! — Nein! — Ja, sie ist von dir, wir haben uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein, sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schüttelte den Kopf. — Komm! sagte sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und ganz still —“
Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch. Adele hielt sich die Ohren zu. „Wie schade!“ sagte sie, indem sie aufstand. „Nun kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der Traum?“
„Ja.“
Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende Beklommenheit im Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und seine Wangen röteten sich.
Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann. Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Fräcken und Kostümen schossen hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie mit verstellter Stimme um einen Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon längst abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich zurück. Er blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm einer roten Chinesin im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann Häberlein mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen.
„In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu erzählen,“ sagte sie. „Es kommen nun gewiß recht merkwürdige Dinge?“