Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem Frühling, niemals empfand er stärker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein, selbst in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein Herz pochen und Freude erfüllte ihn und er dachte: Und morgen und übermorgen und jeden Morgen beginnt ein neuer Tag.
Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch des Meisters, wo man es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und tiefes Geheimnis — aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein Gleichnis des Lebens?
Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wärme über die Stadt und berührte Graus Wangen. Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er zurück in sein Haus.
Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wäre das Leben nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der Hagelschauer — sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir atmen, es rieselt in uns, es erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das ist das Leben.
Zweites Kapitel
Die Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im Vorgärtchen platzten die Knospen. In all der Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines gelbes Gesicht.
Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und lächelte.
Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über den Himmel steuerte und der Tauwind die Pappeln auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte, über Nacht regnete es grüne Flocken über die Pappeln auf der Brücke, an der Landstraße stellte der Frühling eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna lächelte.
Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna trank die Luft, erschauerte und wurde bleich. Fühlst du? sagte sie und griff mit der Hand in die Luft, als greife sie etwas: Das ist die Luft!
Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die Blumen und sie bebte, wie wenn all die Gräser, all die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. — Aber doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte: