Man sprach den ganzen Abend und den folgenden Tag von nichts anderm als dem Dienstmädchen und dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte, verteidigte, mutmaßte, und in dem Abendzug, der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre es beinahe zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein Lehrer, ein entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter Mann mit einem schwarzen, wilden Kopf, der den Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und nichts als dieses Dienstmädchen, eine solch alberne, beschränkte Person —

Kurz und gut, damit begann es.

„Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person, die sich wegen eines Kindes und eines untreuen Geliebten aufhängt,“ schrie er. „Genug und abermals genug —“ Aber da erhob sich ein solcher Tumult in dem überfüllten Coupé, daß man nicht verstand, was er sonst noch sagte, trotzdem er mit einer ungeheueren tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine Bäuerin in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen war, stand plötzlich auf und stieß eine Menge Schimpfwörter heraus, einen ganzen Strahl von Schimpfwörtern, allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts als Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden Blechkranz in der Hand und machte Miene auf den Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der Mitte des Abteils saß ein jüdischer Viehhändler, ein dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den Händen und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen auf- und abtanzte und mit den Händen seine kurzen, fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte, daß ihm das Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen gurgelnden Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während er hin- und herschaukelte und die Leute zu beiden Seiten zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich eine Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand, drehte den Kopf hin und her in einer bauschigen Boa aus schillernden Hahnenfedern und lächelte mit tief herabgezogenen Mundwinkeln. „Pfui!“ rief sie, „Pfui! Welch entsetzliche Roheit. Pfui!“

Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte. „Sie vergeben, meine Dame!“ wandte er sich mit einer Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in der bauschigen Federboa hin und her drehte. „Aber ich denke, wenn dieses Dienstmädchen, diese Margarete Sammet oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und Überlegung, mit Stolz —“

Aber man unterbrach ihn. „Ruhe! Ruhe!“

„Die Herrschaften müssen doch einräumen —“

Man räume nichts ein, gar nichts räume man ein! Alle schrien und der Lehrer lachte und zuckte die Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen brüllenden Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang.

In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich wurden alle still. Aber sobald sich die Laterne in der Nacht draußen schwang und die Maschine heulte, begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich mühsam durch das Getöse.

„Davon war ja gar nicht die Rede!“ sagte ein Mann mit aufgeblähtem Hals, ein Schuhmachermeister, und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete, sie fielen heraus. „Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der Beerdigung.“

„Ich würde sie auch nicht beerdigen!“ sagte der Lehrer mit ruhigem Baß und der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.