Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab Eisenhut die Hand. „Vielleicht sehen wir uns einmal irgendwo,“ sagte sie, „da Sie nun doch auf Reisen gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie einst kränkte, ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe, es wird Ihnen gut ergehen, ein wenig besser vielleicht als mir. Leben Sie wohl!“ Sie hielt inne, dann fügte sie leise hinzu: „Er war ein solch guter Mensch!“
Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum Kusse und Eisenhut küßte ehrfürchtig ihre weiße Hand. Dann ging sie langsam hinein in den Park und es dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie langsam emporstieg.
Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern nach dem Süden ab. —
Das aber ist der Brief, den Grau an Adele geschrieben hatte:
„Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das Einzige, was Du besitzt, unerforscht ist das Leben, unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder und wieder werden wir einander begegnen in den Reichen.“
Ende
Werke
von
Bernhard Kellermann
(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.)
Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25 Mark.
Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt — einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen, wundervollen Weibe empfinden kann. — Henri Ginstermann heißt er. Und sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind — ein triviales Bild zu gebrauchen — wie äußerst verfeinerte phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in ihnen haften, läßt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Seine Liebe ist ihm das Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Kräfte werden davon aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau. Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen, himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund japanischer Kultur.) Henri verfällt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem Wahnsinn nahe. Er verschmäht die Liebe anderer Frauen. Alles um ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbar greifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm — fast wortlos — ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die Unmöglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß reist sie ab. Und die „Geschichte einer Sehnsucht“ schließt mit dem schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, über die der Zug die Geliebte entführt.