Und doch — das war ja noch nicht das ganze Leben in ihm, nur ein kleines Stück, soviel wie ein Blatt vom Walde ist, nicht mehr, nicht weniger.

Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt umkreisten, durchdrangen, dieses Sausen des Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne und der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte.

Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen Welt, von der er ein Teil war, die sich öffnete und schloß in der gleichen Sekunde vor dem geblendeten Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht? Oder erinnerst du dich nicht mehr, da du zwischen Schlaf und Wachen warst und deine Seele plötzlich in dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und Freude erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und flau bist du, sprach deine Seele. Und du antwortetest, gebannt von dem Unbekannten: „Ja, ja!“ Deine Seele sagte: „Tue dies, tue das!“ Und du sagtest: „Ja, ja, ich gehorche!“ Das ist der Weg, sagte deine Seele und du sagtest: „Ich werde ihn gehen!“

Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an jenen Moment, da plötzlich ein Auge in dir leuchtete und dich von innen heraus anblickte. Das Auge blickte mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war in dir — und du, du sprangst auf. „Ich bin ja allein!“ sagtest du laut, aber du glaubtest dir nicht. Hattest du den Mut, zu fragen: „Wer ist hier?“ Nein! Denn du fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten!

Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle Leben, das wir ahnen, uns offenbarte.

Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine Augen waren groß und leuchtend. Der Mensch geht auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr: er geht in der Luft.

Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen, eisernen Gitter vorbei. Es war noch immer angelehnt. Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem kleinen Salon ins Gedächtnis zurück und es schmerzte ihn, daß er nicht genug in jenes schöne, stolze Mädchenantlitz geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten.

Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild mit aus dem Tage und das Bild erscheint im Traum. So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände davor und wartete. Ja, worauf wartete er doch nur? Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen Augen. „Hast du mich heute wiedererkannt?“ rief sie. Aber je näher sie kam, desto mehr veränderte sie sich. Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken, ihr zu folgen. Er zögerte — aber dann folgte er ihr.

Fünfzehntes Kapitel

Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte. Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der reichen Leute, einerlei.