„Sie müssen mich recht verstehen,“ sagte Grau, „was heißt das schließlich, eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande, nichts weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen den Gräsern, das Wachsen der Halme, wie Zelle sich an Zelle schloß — ganz wunderbare Lebensvorgänge —“
„Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war müde, aber ich schlief nicht und plötzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der Kleidung eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwärts und vier Schritte zurück, so daß ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal seinen Rücken. Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich viele, vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein blicken können, durch Mauern hindurch, so sah ich in all diese Zellen hinein. Sie gingen hin und her, vier Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene. Sie gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig, plötzlich aber blieben sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit den Fäusten an die Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das Wandern wieder auf.“
„Wie schrecklich!“
„Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich!“ sagte Grau leise und schwieg eine Weile. Er fuhr fort: „Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder still, gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rücken zuzuwenden — sie standen still, sage ich — und sahen mich an. Alle auf einmal! All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich an den Gedanken, daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum länger als ein Gedanke, dann lächelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder ein wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln: Spöttisch, überlegen, verächtlich — dann machten sie kehrt und wanderten wieder.“
Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte leicht widerhallten, sagte Adele: „Deshalb also gingen Sie dorthin?“
„Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.“
Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte plötzlich im Winde; denn die Höhe trat hier zurück und der Wind hatte freie Bahn. Ein paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend, in einer Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von Susannas Häuschen auf.
„Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen nachgedacht,“ nahm Grau das Wort wieder auf, „aber jetzt mußte ich es tun. Es war besonders jenes Lächeln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich, aber all das sagt nicht genug. Ihr Lächeln schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen Gedankenlosen.“
„Gedankenlosen?“
„Ja,“ sagte Grau, „und ich mußte immerzu an dieses rätselhafte Lächeln denken und schließlich kam es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte, was es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen über Gefangene und Verbrecher getragen.“