Voran aber stürmten die wildesten Rotten, wildgewordene fanatische Weiber, den Villen und Landhäusern der Ingenieure entgegen.
Zu dieser Zeit aber ging das verzweifelte Rennen unter dem Meer weiter. Alle, die das stürzende Gestein, Feuer und Rauch am Leben gelassen hatten, rannten unaufhörlich vorwärts, vor den Zehen des Todes her, der seinen beizenden Atem vorausschickte. Einzelne Wanderer gab es da drinnen, die zähneklappernd, mit gesträubten Haaren vorwärtsstolperten, Paare, die schrien und weinten, Horden, die mit pfeifenden Lungen hintereinander herkeuchten, Verwundete, Krüppel, die um Barmherzigkeit bittend am Boden lagen. Manche blieben stehen, gelähmt von der Angst, daß niemand diese ungeheure Strecke zu Fuß zurücklegen könne. Manche gaben es auf. Sie legten sich hin, um zu sterben. Es gab aber gute Läufer, die ihre Schenkel wie Pferde schwangen und die andern überholten, beneidet, verflucht von den Erschöpften, deren Knie wankten.
Die Rettungszüge ließen die Glocken gellen, um zu signalisieren, daß sie kämen. Aus der Dunkelheit stürzten Menschen auf sie zu, schluchzend vor Erregung, gerettet zu sein. Da der Zug aber in den Tunnel hineinfuhr, so wurden sie nach einer Weile von der Angst geschüttelt und sprangen ab, um den zweiten Zug zu Fuß zu erreichen, der, wie man ihnen sagte, fünf Meilen entfernt wartete.
Der Rettungszug kam nur langsam vorwärts. Denn die entsetzten Mannschaften der letzten ausfahrenden Züge hatten, um Platz in den Waggons zu gewinnen, viel Gestein hinausgeworfen, so daß die Strecke erst freigelegt werden mußte. Und dann kam der Rauch! Er ätzte, beizte, das Atmen wurde schwer. Aber der Zug fuhr vorwärts, bis die Scheinwerfer die Mauer von Qualm nicht mehr zu durchdringen vermochten. Auf diesem Rettungszug befanden sich kühne Ingenieure, die ihr Leben in die Schanze schlugen. Sie sprangen vom Zug, eilten mit Rauchmasken versehen weiter in den verqualmten Stollen hinein und schwangen Glocken. In der Tat gelang es ihnen, kleine erschöpfte Truppe, die schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, zu der letzten Anstrengung, noch tausend Meter bis zum Zug zurückzulegen, anzupeitschen.
Dann mußte auch dieser Zug weichen. Eine ganze Anzahl dieser Ingenieure erkrankte an Rauchvergiftung und zwei starben über Tag im Hospital.
5.
Maud schlief an diesem Tag sehr lange. Sie hatte eine verreiste Pflegerin im Hospital vertreten und war erst um zwei Uhr zur Ruhe gegangen. Als sie erwachte, saß die kleine Edith schon aufrecht in ihrem Bettchen und flocht, um sich die Zeit zu vertreiben, ihr hübsches blondes Haar zu dünnen Zöpfchen.
Kaum hatten sie zu plaudern begonnen, als die Dienerin eintrat und Maud ein Telegramm überreichte. Im Tunnel habe sich ein großes Unglück ereignet, sagte sie mit unruhigen Augen.
„Warum bringen Sie mir das Telegramm erst jetzt?“ fragte Maud etwas unwillig.