Die amerikanische Strecke war am leichtesten zu bewältigen. Die Unglücksschlucht nahm achtzig Doppelkilometer Gestein auf. Tag und Nacht ergoß sich eine Lawine von Gestein und Geröll in die Tiefe. Ein dreihundert Meter breiter Damm überquerte sie. Er war übersponnen von Geleisen und ohne Pause flogen die Gesteinszüge aus den Stollen und stürzten ihren Inhalt hinab. Der nördliche Abschnitt war nach einem Jahre ausgefüllt und planiert und trug riesige Maschinenhallen mit Dynamos, Kühlmaschinen und Ozonapparaten. Fünf Jahre nach Wiederaufnahme der Arbeit hatten sich die Stollen Amerikas und der Bermudas einander soweit genähert, daß Allan drahtlos mit Strom, der in Bermuda befehligte, durch den Berg telephonieren konnte. Er ließ Richtungsstollen vortreiben und die ganze Welt wartete voller Spannung auf den Augenblick, da die Stollen zusammenstoßen würden. Es gab selbst in wissenschaftlichen Kreisen Leute, die bezweifelten, daß die Stollen sich überhaupt treffen würden. Die ungeheuren Gesteinsmassen, die Hitze, die enormen Massen an Eisen und elektrischen Energien mußten die genauesten Instrumente beeinträchtigen. Aber schon, als sich die Richtungsstollen bis auf fünfzehn Kilometer genähert hatten, verzeichneten die Seismographen die Sprengungen in den Stollen. Im fünfzehnten Baujahr stießen die Richtungsstollen zusammen. Die Berechnungen ergaben eine Höhenabweichung von dreizehn Metern und eine seitliche Abweichung von zehn Metern, Differenzen, die sich spielend leicht ausgleichen ließen. Zwei Jahre später waren die Doppelstollen Amerika-Bermuda durchgeschlagen und mit dem Eisenbetonmantel umspannt.
Das war von ungeheurem Vorteil: Die Züge konnten Eisen, Zement, Schienen und Mannschaften nach den Bermudas befördern.
Die Tunnelaktien stiegen um zwanzig Prozent! Das Geld des Volkes kam zurück.
Schwieriger gestaltete sich der Ausbau der französischen Strecke, die Allan vorerst einstollig weiterführen ließ. Hier ereignete sich im vierzehnten Baujahr ein großer Schlammeinbruch. Der Stollen war auf eine der ozeanischen „Falten“ gestoßen. Drei Kilometer des gebohrten Stollens mußten preisgegeben werden mit kostbaren Maschinen und Apparaten. Eine zwanzig Meter starke Mauer aus Eisenbeton wurde gegen die eindringende Schlamm- und Wassermasse errichtet. Bei diesem Schlammeinbruch verloren zweihundertzweiundsiebzig Menschen das Leben. Der Stollen aber wurde in großem Bogen um die gefährliche Stelle herumgeführt. Er stieß hier wiederum auf Schlammmassen, aber sie wurden nach verzweifelten Anstrengungen bewältigt. Fünf Kilometer dieses Teils der Strecke kosteten die ungeheure Summe von sechzig Millionen Dollar. Der Stollen wurde im einundzwanzigsten Baujahr vollendet.
Mit der Fertigstellung der französischen und amerikanischen Strecke verringerten sich die Baukosten ganz beträchtlich. Von Monat zu Monat konnten Arbeiterbataillone abgestoßen werden. Aber trotzdem verschlang der Tunnel noch Milliarden. Ethel hatte ihr ganzes ungeheures Vermögen in den Tunnel geworfen, bis auf den letzten Cent! Sie war an dem Tage bettelarm, an dem der Tunnel nicht vollendet wurde. Lloyd selbst war am Bau so stark beteiligt, daß er seine ganze finanzielle Strategie aufbieten mußte, um sich aufrechtzuerhalten.
Die schwerste Arbeit bereiteten die atlantischen Strecken mit ihren enormen Ausdehnungen. Tag und Nacht, Jahre hindurch tobten schweißbedeckte Menschenhaufen gegen das Gebirge. Je tiefer sie vordrangen, desto schwerer wurden Transport und Verpflegung, zumal auch diese Strecken vorläufig größtenteils einstollig gebaut wurden. Hier war der Feind der Tunnelmen nicht das Wasser, sondern die Hitze. Die Stollen stiegen hier bis zu einer Tiefe von sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel hinab. Die Hitze war so ungeheuer, daß zur Verzimmerung nicht mehr Holz verwandt werden konnte, sondern nur noch Eisen. Die Luft in dem heißen, tiefen und langen Stollen war um so schlechter, als nur durch Doppelstollen eine einigermaßen genügende Ventilation erzielt werden kann. Von zehn zu zehn Kilometern mußten Stationen in den Berg geschlagen werden, in denen Kältemaschinen, Ozonapparate und Luftpumpen Tag und Nacht arbeiteten.
Es war die schwerste und gigantischste Arbeit, die jemals Menschen vollbracht haben.
Von zwei Seiten fraßen sich die Bohrmaschinen immer tiefer. Der „dicke Müller“ von den Azoren herüber, Strom von den Bermudas. Strom leistete Übermenschliches. Er war nicht beliebt bei seinen Leuten, aber sie bewunderten ihn. Er war ein Mensch, der tagelang ohne Essen, Trinken und Schlaf sein konnte. Er war fast täglich im Stollen und leitete stundenlang persönlich die Arbeiten am Vortrieb. Tagelang kam er zuweilen nicht aus dem glühenden Stollen heraus. Seine Leute gaben ihm den Namen „der russische Teufel“.
Täglich spien die Stollen viertausend Waggons Gestein nach Azora und dreitausend Waggons nach Bermuda aus. Enorme Terrains waren geschaffen worden. Klippen, Sandbänke, Untiefen, Inseln zu einem Kontinent zusammengeschweißt. Es war vollkommen neues Land, das Allan geschaffen hatte. Seine Hafenbaumeister hatten die modernsten Hafenbauten, Molen und Wellenbrecher, Docke und Leuchtfeuer geschaffen. Die größten Dampfer konnten anlaufen. Seine Städtebaumeister hatten neue Städte aus dem Schutt gezaubert. Es gab Hotels, Banken, Warenhäuser, Kirchen, Schulen — alles ganz neu! Ein Merkmal aber hatten Allans fünf neue Städte: sie waren ohne jede Vegetation. Auf Schutt von Gneis und Granit standen sie, ein blendender Spiegel in der Sonne und eine Staubwolke im Wind. In zehn Jahren aber würden sie ebenso grün sein wie andere Städte, denn es waren Plätze, Gärten, Parke vorgesehen, wie London, Paris und Berlin sie besitzen. Seine Baumeister importierten die Erde in Schiffsladungen, Chile sandte den Salpeter, das Meer gab den Tang. Seine Baumeister importierten Pflanzen und Bäume. Und in der Tat, es gab da und dort schon gespensterhafte Parkanlagen zu sehen: mit bestaubten Palmen und Bäumen und einer jämmerlichen Grasnarbe.
Allans Städte hatten dafür aber etwas anderes. Sie besaßen die geradesten Straßen der Welt und die schönsten Strandanlagen aller Kontinente. Sie glichen einander wie Brüder. Sie waren alle Ableger Amerikas, vorgeschobene Forts des amerikanischen Geistes, gepanzert mit Willenskraft und angefüllt mit Aktivität.