Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. Eine Zeitlang warf er sich auf die Papierfabrikation. Er brachte eine große Anzahl von Papier- und Zellulosefabriken in seine Hand. Diese Fabriken besaß er noch heute, aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte er sich auf die chemische Produktion geworfen, deren Hauptabsatzgebiet im Auslande lag. In dieser Zeit hatte er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, Michael für seine Firma zu gewinnen. Aber Michael wies auch die phantastischsten Angebote zurück.
Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte große Energie und eine unverwüstliche Gesundheit. Wenzel gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete sechzehn Stunden und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem Schlaf, bevor es noch recht Tag war, schon wieder im Auto. In all den drei Jahren hatte er noch nicht drei Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je bewegter der Tag war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, er spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes für ihn als ein fortwährendes Hasardieren. Wenzel hatte sogar schon seine Grabschrift in diesem Sinne entworfen. Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“
Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte er zu jenen, die „auf den Knopf drückten“. Die Türen sprangen auf, die Direktoren und Beamten stürzten mit Mappen und Akten über die Korridore ...
Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine größere Anzahl ehemaliger Offiziere, sogar ein General war unter ihnen. Alle drängten sich an ihn heran, der Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In allen Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, das Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle demütigten sich um dieses elenden Geldes willen.
Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er hatte ein ungeheures Vermögen zusammengerafft, eine Masse von Geld, die anschwoll, abebbte und wieder anschwoll. Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte eine völlige Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. Um seine Unternehmungen flüssig zu halten, würde er für den Übergang riesige Summen benötigen. Man erinnert sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von einer Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage für Wenzel. Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen Spielers, der alles wagt, saß er da und wartete. Zwei, drei Börsentage wartete er ab, dann aber entschloß er sich. Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich endlos fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz.
Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er nie vergessen. Er hatte die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, gewiegte und gerissene Burschen, hatten ihn beschworen, zu warten, besonders der dicke Goldbaum, der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf gegeben.
Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch heute mußte Wenzel lachen, wenn er an diese Szene dachte. Und es ist wahr: Er lachte auch damals! Denn es war ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das Doppelte oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage hatten die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an der nächsten Börse aber krachte das ganze Gebäude zusammen. Innerhalb von zwei Tagen hatte Schellenberg sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig, er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, dieser riesige Konzern, schwankte in diesen Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn der alte Raucheisen ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn Minuten zu spät kam, wie?
Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die Zinssätze. Während Tausende von Unternehmungen in dem Höllenstrudel versanken, stand Schellenberg wie ein Leuchtturm in der Brandung.
4
Wenzel besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie lagen im Rheinland. Schon vor längerer Zeit hatte er ein Patent erworben, das die Herstellung farbiger Filme in großer Vollendung gewährleistete. Es waren nicht jene Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, wie Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel große Hoffnungen.