„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr dort beschäftigt zu sein.“
Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung.
Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“
Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff. „Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen, Weidenbach?“
Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg, blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“
Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach, und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie, Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“
Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“ entgegnete er.
Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also – trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu gehen, er weiß stets Rat.“
Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg kläglich nachmeckerte.