Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt. Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. Da lag er ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer. Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht.
Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide, so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären.
„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,“ wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert gemustert hatte. „Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele tätig.“ Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note, gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente.
Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.
„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,“ fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. „Oder sind Sie nicht jener Herr Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den Frieden unter den Nationen tätig ist?“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen, Herr Baron,“ antwortete er. „Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen. Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien nicht hin.“
„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte Baron Blau enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme.
„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther.
Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus welchem Grunde.
„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern möglich ist?“ wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen hochgezogen.