Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht.
„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ sagte Esther.
Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. „Zum ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter Stimme. „Ist es möglich? Und wie gefällt Ihnen Paris?“
Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris förmlich berauscht war. „Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“ rief er aus, „sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht, glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist Sacré coeur, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich, man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“
Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron nichts ahnte.
„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick.
„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte Esther. „Es gibt eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“
„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?“ entgegnete der Baron mit verletzter Miene.
„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden, manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“
„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel.