Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender Menschen und jagender Wagen, und sie sah ihn nicht! Sie ahnte es nicht, daß er, Schritt für Schritt, immer näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er lächelte mit geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln, aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein Lächeln wie eine Grimasse des Schmerzes aussah. Er keuchte leise. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, die Knie zitterten ihm.
Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet. Menschen, Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen ihm fremd, als sei er nach Jahrzehnten in diese Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie zurückgekehrt. Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes hatte seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und Lärm um vielfaches verstärkt empfand. Die Straße jagte, die Straße donnerte, und fast überkam ihn eine Beklemmung.
Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom fortgerissen zu werden, sie glitten und schossen vorüber, um in den Wirbel der Seitenstraßen geschleudert zu werden. Funken stoben aus den Rädern, blaues Feuer spritzte durch die nasse Luft. Omnibusse, mit Menschenleibern dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl, schwankten wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und ab stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden zitterte und schwankte, die Luft gellte, es knallte wie von Explosionen. Wahrhaftig, es war wie in einer Schlacht.
Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden lehmfarbenen Himmel fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen wie durch ein dünnes Sieb herab. Der Regen lag in Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren, auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten der Trambahnführer, und wenn man das Gesicht etwas schräg hielt, so netzte er, angenehm kühlend, Augenlider und Wangen.
Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht!
Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde sie die Arme in die Luft werfen und an seine Brust stürzen, angesichts der Käufer, angesichts der Kolleginnen, angesichts der strengen Augen der Aufsichtsdame? Oh, Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts ...
Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen schwankten Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug: Die Stunde war da, tausendmal ersehnt und erträumt. In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er alles erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche. Oder –? Sein geschwächter Körper bebte.
Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so einfach war. Er hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen. Wie oft war er mitten in der Nacht aus dem Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen, bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es an, auch das war ja möglich – wenn sie nicht mehr hier sein sollte? Seit Wochen – warum betrügst du dich? –, seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten, keine Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ...
Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche, die den Schritt dämpften. Eine Art von Wohlbehagen, ein Gefühl des Geborgenseins kroch über seinen durchfrorenen Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen Wangen.
Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter Seidenstoffe stürzte aus einem hohen Brunnenbecken herunter in den Saal, funkelnd im Licht. Das Silber in den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte einen Ballen Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem Leder, Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten. Die Türen der Aufzüge klirrten, Menschenbündel flogen in die Höhe, stürzten blitzschnell ins Bodenlose.