„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde sich das Schicksal erfüllen.
Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen roten Heller.“
Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.
Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird, aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden.
Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.
13
Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.
Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen, Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen Augen in den Abgrund versinken.
„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen, das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses, Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung der beiden Ehegatten bestehe.
Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen, sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen „Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er.