Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe. Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar zu tuten.

Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen: „Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“

In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine Hände. Was war es doch mit meinen Händen?

Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen. Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß ein Kellner vor ihm stand.

„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.

Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er sich in Warnemünde befand.

28

Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war, oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief augenblicklich die Ärzte.

Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben. Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb bestehen.

Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich kann doch nicht wegen des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!“ rief er aus.