Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher, Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.
Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.
Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und verließ das Zimmer.
Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen. Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.
Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.
Was war geschehen?
33
Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück. Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel. Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in der Hand gehalten zu haben.
„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen, Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.
Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden. Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“