Übrigens, sonderbar: Schwedenklees Augen – einst förmliche Lampen – schienen von Jahr zu Jahr kleiner zu werden. Wie war es nur möglich? Seit einiger Zeit sah er auch schlechter. Er war genötigt, beim Lesen eine Hornbrille zu tragen.

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In den letzten Wochen allerdings war Schwedenklee, der immer Heitere, Strahlende, der Sieghafte, vom Glück Umschmeichelte, verändert. Er war zerstreut, nachdenklich. Nur noch selten waren seine lauten Lachsalven, die jedermann mit fortrissen, zu hören. Sprach man ihn unvermutet an, so öffnete er erschrocken und hilflos den Mund, oft gab er überhaupt keine Antwort. Allen Stammgästen des Cafés fiel die Veränderung auf.

„Der Herr Oberbaurat scheinen in der letzten Zeit nicht ganz wohl“, sagte der von schlaflosen Nächten bleiche Oberkellner, ein alter Wiener. Also selbst ihm fiel die Veränderung auf!

„Etwas abgearbeitet.“ Schwedenklee runzelte die Stirn.

„Ich habe gelesen, der Herr Oberbaurat haben einen Vortrag im Architektenhaus gehalten.“

Schwedenklee seufzte.

„Nichts als Plackereien, die nichts einbringen.“

Ja, so hatte man zu tun. Schwedenklee hatte über „Moderne Bahnhofsarchitektur“ gesprochen – ein ganzer Winter Arbeit!

Schwedenklees Stammcafé war scheinbar ein Café wie jedes andere. Ein altes Berliner Café mit Gold und Stuck, verräuchert, die Plüschsofas zusammengesessen, die Kellner in befleckten Fräcken und ausgetretenen Schuhen. Unten saß das gewöhnliche Publikum, Familien, Liebespaare, einsame Zeitungsleser. Eine vergoldete Treppe mit Plüschgeländer führte zu dem großen Billardsaal empor, wo sechs Billards standen, und erst wenn man den Billardsaal durchquert hatte, gelangte man in das Allerheiligste: das Spielzimmer! Hier waren von fünf Uhr nachmittags an bis zum grauenden Morgen einige Spieltische, umgeben von Kiebitzen, im Gange, und hier kannte ein Gast den andern. Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, ein Bassist von der Oper, ein bekannter Pianist und einige junge Herren, die keinen ausgesprochenen Beruf zu haben schienen. Die Karten wurden gemischt, die Zigarren qualmten, die Kellner flogen mit Kaffeegeschirr und Biergläsern hin und her. Einzelne der Stammgäste kamen hierher schon um fünf Uhr und blieben bis drei Uhr nachts. Andere kamen nach dem Essen, wie Schwedenklee, nach Schluß der Theater und Konzerte kam noch ein Trüppchen Nachzügler. Es wurde in Schichten gearbeitet, fieberhaft und ohne jede Pause.