Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel herauf. Die Dämmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprühte.
Durch die geöffneten Fenster strömte frische, würzige Luft, gesättigt mit dem Geruche der Wälder und dem kühlen Atem der Quellen, noch nicht verdorben vom Staub der Teppiche und den Küchendünsten. Der Hof lag noch ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen.
Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes hergerichtet, aus Möbeln und Wänden schien die Sonne der letzten Wochen zu strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit hindurch vernachlässigt hat. Tisch und Stühle, Bücher und Skizzen an den Wänden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu heischen.
Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block von Kälte und Finsternis, in wüster Betäubung von der Arbeit der Nacht und lächelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gütige große Leben winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen.
Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehörte dies zu seinen Liebhabereien.
Das Gefühl von Kraft und Gesundheit erfüllte ihn in einem Maße, wie er es nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wäre. Seine Brust war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend, seine Sehnen straffer. Die Müdigkeit war weg, der gebeugte Rücken, die bleischweren Füße. Als hätte er einen wüsten Rausch ausgeschlafen.
Er wettete, mit der Faust Löcher in die Wand schlagen zu können, die Decke zu sprengen, wenn er sich streckte.
Köstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die einer Wiedergeburt entgegensah.
Eine übermütige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk gegeben, trat er vor den Spiegel, ließ die Muskeln seiner Arme spielen, reckte die Brust, beugte den Kopf zurück, sich erfreuend an dem Schnellen der Sehnen, der Überschneidung der Schulter, der energischen Linie seines Armes, als studiere er einen fremden Körper.
Man sollte nicht versäumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen. Was für Bewegungen würde man bekommen, welche Elastizität, welche Genüsse von Schönheit könnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt müßten die Menschen in Gärten wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schönheit ihrer Schwestern und Brüder, und die Welt nähme von neuem ihren Anfang, Schönheit und Erkenntnis ihr zweifaltiger Gott.