„Durch die rettende Fahrlässigkeit des Dienst- und Pflegepersonals, Sobelsohn. Sie vergessen, ich sagte ausdrücklich: tun — tun müsse man, was er vorschreibt. Ich, die in den Spitälern halb Europas gearbeitet habe, kann Ihnen sagen, daß noch nie eine Anordnung genau so ausgeführt wurde, wie der behandelnde Arzt geglaubt. Darum sind eure Statistiken falsch. Fachbehandlung, gemildert durch Schlamperei.“
„Nu, und die Asepsis, Fürstin — wollen Sie auch nörgeln an unsrer Asepsis?“
„Nein, denn sie ersetzt den Juden den Katholizismus. Man muß das nur gesehen haben, was ihr da treibt, ihr profanen Pfaffen des Leibes — bei einem der hohen Infektionsfeste: etwa Scharlach. Was da für ein hieratisches Zeremoniell entfaltet wird: die weißen Weiberröcke der zelebrierenden Ärzte — das Lysolopfer — der Bakterienexorzismus — die symbolischen Waschungen. Wie Ostern in Rom.“
„Ist Ihnen sonst noch was nicht recht an uns, Durchlaucht?“
„An euch.“ — Die Drehung ihrer Schulter war verächtlicher als je ein Wort. —
„Über Mißbrauch und Verzerrung eines Amtes, euch zu Unrecht verliehen, wer möchte da richten, wiewohl ihr’s etwas reichlich treibt. Doch eine Menschheit richtet sich selbst, die, instinkt-irr und salopp, das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes, so wenig achtet, daß sie wahllos über ihr Schicksal hinwimmeln läßt, was Geschäft oder Drang oder Zufall eben erst heraufgespien aus jeder Tiefe, hin zu Jus, oder Schmieröl, oder Medizin oder Knoppernhandel: ungereinigt — unerprobt. Das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes:
Aus Sinnenzartheit und Sinnenschärfe, aus Kraft, Anmut und Vitalität den Erzengel der Erde erziehen, pflegen, hüten helfen, das dürfte nur nach Proben, furchtbar und herrlich, in die Hände jener überantwortet werden, die ringsum ausgeblüht in langen, edlen Mühen — weisere, feinere, lichtere Organe sich selbst errungen, als uns Armen vergönnt.“
Helena Karachan hatte die letzten Sätze fast ausschließlich an Horus gerichtet, der, wie benommen von ihrem Schicksal, wie er es nun begriff, erschüttert und schweigend allem weiteren gefolgt war. Nun schien es ihm Zeit, in Leichteres unbemerkt zurückzulenken.
„In China,“ lächelte er, „ist es Sitte, den Arzt nur so lange zu honorieren, als man gesund bleibt.“
„Wie entzückend,“ rief die Fürstin, „wie weise auch. So lernt er etwas von Gesundheit verstehen — bei uns versteht der Arzt im besten Fall etwas von Krankheit.“