Ja, das ist wohl der Sinn unseres obersten Gesetzes aller Vaterpflicht: zu sorgen, daß die Geschlechtsreife keines seiner Kinder unvermählt: hilflos finde und bedränge. Nichts darf gezeugt werden, dem nicht seinerseits das elementarste Recht der Kreatur: ebenbürtige Liebe, verbürgt ist, und zu rechter Zeit.

Und Glück! Soweit Glück überhaupt vorherzusehen in diesem rätselvollsten Chemismus, den erst das Letzte offenbart, hat es bei uns nicht, aller menschlichen Voraussicht nach, mehr Chance durchzubrechen: in zwei unlädierten jungen Wesen — parallel geboren — von hoch erotischer Kultur, ist nur die sinnliche Feinheit des Knabe-Liebhabers reich genug, erblich gepflegt genug, der kleinen Braut gerade das zu wecken, was sie sucht: ein junger Prinz im ganzen Reich der Liebe, befähigt, ihr die innere Heimat zu richten, wo sie will, denn alles ist ja sein.

Nur bei Rassen von ungepflegter Sinnlichkeit scheint für die Frau die Wahl so wichtig — der Irrtum eine Katastrophe.

„Freie Wahl.“ Seit Cavadini Genia durch das Lasso ihrer Rente geschlüpft, war diese Faselphrase öfter im Kreis um Miß Waanebeeker aufgetaucht, und die jungen Damen taten dabei fern und wunschlos unbekümmert.

Er überlegte. Wohl waren ihm noch wenig Orte bekannt, galt aber nicht dieser als Zentrum internationaler Geselligkeit? Und doch: die gleiche kleine „set“ wie früher in Paris, und sie schien sich von London, von Baden-Baden, von Kairo aus zu kennen; schwamm als winzige Blase von Klima zu Klima mit geschlossenem Oberflächenhäutchen. In der schmalen Spanne ihrer hohen Zeit — kaum zwanzig bis dreißig Männer kamen für diese Mädchen in Betracht. Von diesen zwanzig oder dreißig wollte die eine Hälfte offenbar überhaupt keine Ehen, die andere Hälfte schied aus pekuniären oder anderen — ihm noch viel rätselhafteren — Gründen aus.

Und das war die „große Welt“. Wie mochte es um individuelle Wahl erst in kleineren Orten — kleineren Verhältnissen bestellt sein.

Wenn Gargi solch lange Erniedrigung hätte leiden müssen, ehe sie seine Arme fand — wie eine Blasphemie wies er das schmutzige Bild ab. — Und gedachte des lieben Alters — ihm verschmolzen: des besonnten und bestirnten Märchens ihrer und seiner dreizehn Jahre, des nie zu Vergessenden.

Keine Kinderehe! — Ihm schauderte vor der Armut dieser Leute. Vor der Verarmung an Leben, an Glück, insonderheit an Frauenglück. Bedauernswerte Frauen, denen auch noch das Wunder jener wenigen Monde sinnlos verwelken muß, da es jedem Wesen, in bescheidenem Maße wenigstens, vergönnt ist — reizend zu sein. Wie viel ging hier unwiederbringlich — ungenossen — in Leere, zugrund: das Zarteste, Holdeste.

Oder verwechselten diese weißen Barbaren Eheschluß mit Ehevollzug. — Zuzutrauen war es ihnen schon. Kannten vielleicht überhaupt die Abstürze zwischen Sinnlichkeit, Erotik, Sexualität, Zeugung und die schwebenden Nervenbrücken über sie hin nur wenig oder roh. Anders konnte er sich die eisige Verlegenheit schon beim ersten Wort, das jene Sitte seiner Heimat streifte, nicht erklären. Und gar Sobelsohn. — In ein ganz leises Erinnern, mit Gargi halblaut getauscht, spie jüngst unaufgefordert sein infernalisches Grinsen. Gefragt, was er damit meine, ward er streng, und seine Stimme brodelte plötzlich im Schmalz der Würde:

„Die Wissenschaft brandmarkt das alles als der Rasse schädlich.“