„Der Bau“. — Immer wieder war das Wort aufgestiegen dort im ganz Frühen, wo das Ich noch nicht recht zusammenhängt. Kein lückenloses Geschehen bleibt. Immer nur einzelnes aus dem Vagen ragt: eine rosa Torte — ein Klang, groß wie die Welt — das Gesicht der Katze als furchtbarer Magnet.
Zwischendurch aber war immer das Wort „Bau“ gewesen. Im Bungalow Tische, auf Reißbretter gespannt knisternde Bögen, groß wie Leinentücher, Mama mit wunderbar eckig-graden Geräten dran herabstreifend. Lärm, Leute, Lasten. Zu Wagen, zu Schiff. Dann geht man fort aus dem Bungalow in ein Großes, Lichtes, Liebes. Der „Bau“, was immer er gewesen sein mag, ist plötzlich weg, das Wort erloschen. Erst viel später weiß man langsam irgendwie, das Große, Lichte, Liebe sei eben der verschwundene „Bau“.
Vieles kam wohl erst später hinzu. Hing mit günstigen Kopra- und Teeernten, oder steigendem Ertrag der Graphitminen zusammen: so der Riesenrefraktor für Erasmus van Roy, das Laboratorium, der Instrumentensaal. Vielleicht waren noch Räume unvollendet. Er kannte nicht alle, hatte viele freiwillig nie betreten, wie manche Gemächer der Meditation. Denn jedem Bewohner des Hauses, auch ihm, auch Gargi seinem Liebesgespiel, war, östlicher Sitte gemäß, ein Raum zu eigen, den niemand als nur er betrat. Mit seinen Strahlen ganz erfüllt, lebendig von dem Fluidum seiner tiefsten Stunde: dem „kef“ des Orientalen.
Die Gemächer der Meditation hatten weder Schloß noch Riegel.
Hoher Mittag. Nach seinem solitären indischen Lunch schritt Horus durch die Bibliothek. Der mannigfache Raum ging über in Terrassen aus durchscheinendem Onyx. Auf ihnen breitete Weiches sich rundum hin — vor Luft und Meer — bereit, ein Buch im Niedergleiten aufzufangen, denn: der diesen Raum ersonnen, hatte wohl gewußt: im Freien liest man nicht, man hebt ein Schönes aus dem Buch und träumt ihm nach, bis es im Blauen groß wird und zergeht.
Luftmüde kehrte er in den Zentralraum zurück, der von Büchern ganz umgrenzt war. Schräg floß aus hochgelegenem breiten Fenster das Goldne nieder; ließ die gestuften Tafeln der ungeheuren Mahagonitische aufduften wie Tiefland. Es leuchtete von Geist und Stille. Ihn aber zog es zu ganz beschatteter Versunkenheit. Aus dem Niedren tat es sich auf wie Grotten: taube Alkoven, wo tief in Pfühlen die Körper ausgelöscht sind und die Gedanken sich befruchten, indes ein klar und zartes Licht als Hochzeitsfackel leuchtet.
Ein kultivierter Europäer hätte gar bald in dieser erlesenen Bibliothek etwas höchst Sonderbares entdeckt und in wachsender Betroffenheit die hartnäckige, ja manische Konsequenz seiner Durchführung bestaunt. Lückenlos stand als seelisches Riesenwerk das Ethos Asiens da. Wie es, hochaufgerichtet in den lebendigen Körpern seiner Rassen, noch in die Gebärde seines letzten ärmsten Sohnes ein Unbeschreibliches an weiser Anmut gießt.
Da waren die Veden, Upanishaden, Bhagavad-Gita, Gajatri und Upnekhad. Auch die Sutras mit dem Kama-Sutra. Die sieben großen Philosophensysteme Indiens, gekrönt mit dem Vedanta, verströmend im Buddhismus. Chinas Religion des „guten Bürgers“: das Wu-king Con-fu-tses. Lao-Tsu, das Buch vom quellenden Urgrund, die unvergleichliche chinesische Lyrik. Überdies fast der gesamte Formen- und Geistesinhalt Ägyptens, Kretas, Babylons, Persiens.
Auch Europas?
Hier begann das Sonderbare. Während die Großen im Reich der Naturwissenschaften in Originalen und einer Vollständigkeit, die jener des Britischen Museums wenig nachgab, vertreten waren; während Neues und Neuestes unaufhörlich in Fachschriften zuströmte, enthielt dieser offenbar tiefdurchdachte Geisterbau keine Zeile, aus der auf Geschichte, Religion, soziale Zustände Europas hätte geschlossen werden können: auf Sexualbräuche, Sitten, Jus. Die Unnaturwissenschaften fehlten gänzlich.