Horus hatte längst — nicht nur aus van Roys Worten — auch traumhaft erahnt: „das Wesen aller Dinge sei die Zahl.“

Wenn dann aus dem dreifachen Reich der Natur das Mannigfaltige hervorbrach, ihm die Sinne sprengen wollte, trat er zurück in die reinen Raumgebilde des Geistes: Schemata alles Erschaffenen und alles Erschaffbaren. Vor denen — wie ihn gelehrt worden war — der pauvre Klumpen dieses Kosmos ganz ohne Importanz wird, versinkt, sind sie doch tiefer und weiter als er. Denn die Gesetze der Mathematik gelten für jede mögliche Natur, für alle physikalischen Universen, die Riemann sämtlich vorausberechnet hat, und von denen das Eine — Unsre, nichts als ein Spezialfall ist. Nicht aber gelten die Gesetze der Physik für Gegenden der Mathematik, denn: wo immer in der Natur eine bestimmte Zahl erscheint, gleichsam als Ursaite angeschlagen wird, da muß auch der gleiche Ton erklingen, muß gleiche Farbe, Gestalt und chemisches Geschehen sie begleiten. Die Zahlen und ihre Beziehungen sind Traversen der Welt, jenseits der Erscheinungen; wer in ihnen, ist in geheimnisvoller Weise auch im Baumeister aller Welten. Und van Roys Worte kamen ihm wieder:

„Was sind die kindischen und kläglichen Wunder aller Religionen, verglichen mit dem einen mathematischen Wunder der „harmonischen Teilung“, in Geometrie und Natur: dies Zueinanderstehen von Zahlen, aus dem die Proportionen der Musik und die Kegelschnitte sich gleicherweise erzeugen. — Das geisterhafte Schema, nach dem die Welt klingt und die Gestirne sich bewegen.“

„Wo sonst ist ein Erahnen so herzerschütternd großartig für das Hereinragen eines Außerweltlichen — geheimnisvoll Ordnenden. Wer da innen ist, durch den gehen die Fäden der erschaffenden Gesetze, der hängt gleichsam im ewigen Fadenkreuz und rührt an Grenzen des Unzerstörbaren.“

Da war es dem Knaben Horus oft, als ob ganz große Gedanken, die im Unvergänglichen dahinwehen, außen am Rand seines Erfassens vorüberstrichen, knapp an der dunklen Monade vorbei. Nur ein Weniges noch an sehnender Kraft, und er müsse ihrer mächtig werden, sie hereinziehen in das passagere Ich. Doch dies Vorüberstreichen schon rührte mit einem klar und magischen Glück an sein großpochendes Herz.

Daß er gerade heute Pascal zur Hand genommen? Vielleicht um des Wunders willen, daß dieser — ein Kind von sechs Jahren — mit einem Stäbchen im Sande spielend, die ganze Euklidische Geometrie aus sich entwickelt hatte. Mit winziger Kinderfaust dies Wissen von zwei Jahrtausenden erspielte, wie andre Steinchen halten. Horus schlug jene weltberühmte Abhandlung auf, von dem Halbwüchsigen — kaum älter, als er selbst jetzt war — der Akademie von Paris überreicht. Und er begann zu lesen:

„Über die Kegelschnitte“.

Doch die leuchtende Geometrie, der ätherische Glanzraum Pascals, schien ihm heute in eisige Phantastik seherhaft entrückt. Wo war in dieser Kristallwelt Durchdringung mit dem Warmen, das in ihm schlug: ein Vogelherz in harter Hand? Er ließ den Band sinken, blickte auf. Am andern Ende des Raumes war eine einfache Gestalt. Unnachahmliche Bescheidenheit lag als stiller Ring um sie.

Ein irgend Etwas an Haupt und Haltung ließ Horus fühlen, er störe nicht. Sei erwartet und willkommen. Drüben dann, in den weiten easy-chair hineingeschmiegt neben den alten Freund, erkannte er, daß dieser nicht, wie er zuerst geglaubt, ein Buch, sondern ein aufgeschlagenes Manuskript in den Händen hielt. Und Horus las:

„Die Hyperbel hat mir von jeher etwas Gespenstiges gehabt, ohne daß ich mir einen Grund davon anzugeben wußte. Ich fand ihn indes nachher in einer symbolischen Beziehung, die sich ihr unterlegen läßt, und ich bin überzeugt, daß alle, die sich unterlegen lassen, in dem ähnlichen Charakter zusammentreffen. Man muß sie aber gleich in bezug auf die übrigen Linien betrachten.