„Und sticht den Wasserkopf an“ — dachte der „Kinderfeind“. „Zuchthausstrafe auf jede weitere Lebendgeburt für eine Frau, die so etwas aus sich herausgehudelt hat: Ein taktloses Kind schändet ja die Welt mehr als tausend Verbrecher — ein Dutzend davon, und die ganze Rasse ist gerichtet.“
Andern Tags kam eine dringende Einladung, auf den weißen Rand einer abgerissenen Zeitschrift gekritzelt.
„Gleich“ stand zweimal unterstrichen und schnitt in teilweise erhaltene Annoncen für Schmieröl und ein Berliner Bureau zur Vertiefung des Familienlebens.
So machte er sich abermals auf den Weg quer durch die fremde Stadt. Nicht mehr suchend, diesmal gemächlich schauend. An seinem Schritt glitten zahllose Buch- und Kunstläden vorbei. Überall hinter Glas stand auf Pappe: „Der schöne Mensch“ — „Schönheit des Ganges“ — „Rhythmische Körperkultur“ — „Die Kultur des Wohnens“ — „Heimkultur“ — „Künstlerische Bekleidungskunst“ — Stil, Schönheit, Rhythmus — wo man hinsah aufs Papier. Dann wieder zahlreiche Glasscheiben, blechgolden, schräg verkritzelt mit „Konditorei“. Dahinter alles voll käsiger Frauengesichter unter irrsinnigen Hutgeschwüren, die von gehäuften Tellern faden Kram in sich hineinstopften. Wie hieß doch all das Zeug? Richtig: „Schillerlocken, gefüllter Bienenstich.“
„Einst Stier — Schwan — Goldregen. — Hier müßte sich der Gott wohl zu Schlagsahne wandeln, um einen begehrten Schoß erzittern zu machen,“ sann der Fremde belustigt.
Dann stieg er wieder am Windeldrachen vom grünen Kanapee vorbei die idiotisch konstruierte Treppe hinauf. Fand diesmal die Tür nur angelehnt. Schellte vergeblich, trat durch eine Küche, die nach Abort stank, in den speckigen Arbeitsraum; nein, zwei Räume — drei. Durch alle drei lief ein schier endloser Papierstreifen. Stellenweise war er mit Nadeln, Haarnadeln, Streichhölzchen und Zahnstochern immer wieder angestückelt worden. Buchstaben, Zahlen, Zeichen bedeckten ihn: ein Zaubernetz, über und über. Fern im dritten Zimmer lag Samossy in seinem Salonrock flach auf dem Bauch, schrieb weiter an dieser einzigen, ungeheuren Gleichung.
Entzückt und gerührt, mit einem heißen Gefühl von Heimat vor diesem schmierigen, geflickten Band stand der Herr des Hauses Elcho zwischen Abort- und Küchengeruch. Bog ein Knie, und mit aller Anspannung sich sammelnd auf das Faszinierende zu seinen Füßen — spontan hineingerissen in seine Magie — lag nun auch er, Raum und Zeit verloren, auf dem Fußboden; einem geisterhaften Schema, nach dem die Welt geschah, über Haarnadeln, Zahnstochern, Zündhölzchen hinweg zu folgen. Da nur Resultate zu durchlaufen waren, fand er sich, ob nach Stunden oder Minuten, blieb so ungewiß wie belanglos, neben Samossy. Nun verweilten beide, parallel eingestellten Geistes, hingegeben an ein klareres Sein, bis in der Dämmerung jeder Überblick erlosch.
Dann begrüßten sie einander. Samossy raste zum gedeckten Teetisch, sich am Tischtuch enthusiastisch den Staub von den Fingern zu wischen. Zerknüllte dabei, eh man’s versah, mit affenartiger Behendigkeit alle vier Ecken wie Papier. Sein Gebaren hatte etwas Gaulhaftes: ein durchgegangener Klepper, wie er von hohem Schiefgalopp herab blindes Feuer und erschrecklich weißen Wahn aus blutigen Augenbällen kegelt.
Des Gastes Aufmerksamkeit hatte er nach den ersten Bemerkungen gewonnen, denn untrügliches Merkmal überlegener Menschen: sorgliche Wahl, flüssige Placierung auch des scheinbar untergeordneten Wortes, war sein — wenn er wollte. Jetzt wollte er. Des Gastes Herz aber ging aus zu ihm, nach der ruhigen Verbeugung seiner Stimme vor van Roys Werk und Wesen. Dieses: seiner ersten Jünglingsjahre Erlebnis — Begleiter seines ganzen Mannesalters: Jenes.
Nach einer angenehmen Weile wandte sich das Gespräch, und der Gast bemerkte beiläufig: