„Für all diese jungen Leute wäre es eben rätlicher, statt der ‚Korpszeitung‘ lieber doch noch einmal: ‚Über Anmut und Würde‘ von Schiller nachzulesen.“

Und erschrak. Bei dem Wort: Schiller hatte sich Samossys mächtiges Gesicht auf einmal zu einem ganz kindischen Knoten hilflos diabolischen Hasses zusammengeschnürt. Es war so entsetzlich, so unbegreiflich, so schamlos und beschämend zugleich, daß der fremde Gast rasch die Aschenschale umwarf, die ganze Situation damit umwarf; Trivialitäten dazwischen warf, um nur ganz wo anders wieder beginnen zu können. Weg von dem bösen Infantilismus, der grünen Wut, die unbegreiflicherweise Schillers Name ausgelöst zu haben schien.

Da sagte Samossy unvermittelt, dranghaft:

„Kommen Sie mit über Pfingsten. Wir wollen auf einen hohen Berg steigen und Zarathustra lesen.“ Dann, hinterhältig, geheimnisvoll: „Man muß vom Weibe loskommen.“

Horus erwärmte sich. Seit dem Abschied von Asien hatte er keinen Sonnenaufgang auf einem Pilgergipfel mehr erlebt. Gut würde das tun. Endlich wieder.

Sie trafen sich am Bahnhof. In Deutschland sein erster. Überall auf Plakaten hingen, zwischen Ausrufungszeichen, an den Wänden lapidare Beflegelungen des Publikums und andrer Wesen: —

„Wandervögel benehmt euch!“ ... „Unterlaßt ... sonst ...!“ „Keine Kirschkerne ausspucken, sonst ...!“ „Wer unbefugterweise ... der wird nach Polizeiverordnung vom ...!“ —

Lauter hingeschnauzte Imperative. So geleitet fuhren die Leute in ihre Spiele und in ihre Muße hinein. Noch fuhren sie aber nicht. Barsche Götzen mit Schirmmützen und lächerlich doppelt zugeknöpft, hinderten vorläufig jeden, dort hinzukommen, wo er hin sollte und wollte. Erbitterte Menschentrauben hingen um zwei vergitterte Löcher, wo in Käfigen andre Götzen hockten und sich weigerten, Geld zu wechseln, oder plötzlich das Milchglasfenster ihres Käfigs den gehetzten Massen vor der Nase herunterknallten. War es endlich wieder offen, mußte jede zitternd abgequetschte Menschenbeere sich ducken vor dem Käfigloch, als kröche sie um Gnade; sie kaufte aber nur um ihr gutes Geld eine Fahrkarte, von einem, den sie dafür selbst angestellt und bezahlt hatte.

Genau wie vor dem Postamt neulich, mit seinem Bücherpaket für Erasmus! Auch dort vor einem Gitterkäfig die zuständige Sklaventraube: Männer mit Krampfadern, Frauen, Angst um anbrennende Milch in den Augen, Arbeitnehmer aller Grade, bei denen Qual marternder Langeweile mit hämischer Genugtuung, ihre Brotgeber um so viel schöne Zeit zu prellen, rang. Alle aber bekamen diese dunkelleere, geduckte Süchtigkeit im Blick, traf er den Käfig.

Endlich mit seinem Paket dem Götzen im Loch gegenüber, war dieser ans Gitter gefahren: