Schräg stand schon die Sonne, doch dies mußte ausgefochten werden, und er stürzte fort, zum fünften Mal wiederzukehren. Da winkte ihm ein alter Herr mit einer Pfundnase heimlich in eine Ecke beim Papierkorb. Er schien sie den ganzen Nachmittag nicht verlassen zu haben. — „Psh — Psh,“ sein Speichel glänzte vor ihm her. Dann hinter einem Paravent aus Wurstfingern:
„Da ham’s,“ er kramte eine Handvoll runder, gummierter Pergamentplättchen mit verschiedenen Monogrammen aus der Tasche —.
„I schau Ihner scho n’ ganzen Nomitto zu, und jetzt schau i no zu wie ‚er‘ — sein Daumen wies gegen das Loch — ‚zerspringt‘ — dös san nämli Verschlußmarken“ — er klopfte auf die Plättchen — „dö gelten statt Siegel, wanns ihm no mo net recht is, glei hinpappen — alleweil glei hinpappen, da kann er fei nix machen.“
Er duckte hämisch gegen den Götzen. Der aber mußte den Vorgang gemerkt haben, ließ bis auf zwei Vordermänner den neugerüsteten Feind an sich herankommen, dann klappte das Milchglasfenster einfach zu. Die wartende Masse ächzte vor Angst. „Abrechnen tut er,“ raunte es ringsum, und klägliche Blicke hingen sich an den Minutenzeiger, daß er nicht springe: vier Fünfersprünge und das Postamt schloß. Der Zeiger schüttelte die Augentraube ab und sprang zum ersten Mal. Das Milchglas rührte sich noch immer nicht. Die Herde knurrte bekümmert vor sich hin, bis oben voll geduckter Wut. Da wagte der Fremdling sich aus der Reihe, wand sich fechterglatt zum leeren Nachbarschalter, streckte den Kopf durch das Götzenloch und sah jenseits der niedren Zwischenwand den mit dem rändigen Karneol am Mittelfinger sich noch immer die schwarzen Nagelplatten ausstochern, während er einer kanariengelben Mitbeamteten aus dem Abendblatt vorlas. Da riß ihm die Geduld. Gut: diesem Lande Gast, hatte er sich seinen Bräuchen zu fügen, dies aber ging die Würde des ganzen Planeten an. Mit geballter Faust drang er gegen das Milchglasfenster vor, dem frechen Bureaukretin seinen albernen Scherben zerschmeißen; es war das einzig Gegebene. Welche Erlösung für die mißhandelte Herde, wenn es endlich geschah. Doch siehe da! Hatte er denn den Weltuntergang angezettelt? Die meisten flohen sofort, beherzte Männer voran, die früher am lautesten gemurrt.
„I muas nit von allm ham,“ kreischte der heimliche Obstruktionist mit den Verschlußmarken und weg war er. Eine Rotte erbitterter Weiber warf sich indes mit Megärengebärden auf Horus, nicht mehr Angst um angebrannte Milch gab es, keine Krampfadern, keine bespiene Menschenwürde, nur einen, der ihnen allen zu Hilfe kam: der gemeinsame Feind.
Ach so: sie liebten das also offenbar, bezahlten es eigens. „Pardon, ein Mißverständnis.“ Eben ganz wie in dem Masochistenbordell zu Paris. Sir Osmond hatte ihn der Kuriosität halber einmal dort eingeführt — Zuschauer beide — denn manche Kunden wünschten ausdrücklich auch Publikum zu dem etwas gewaltsamen Empfang, den sie sich bis auf jeden Handgriff genau, brieflich und um schweres Geld vorausbestellt hatten.
An jenem Abend hatte sich nun, der Himmel mochte wissen wieso, ein schlichter outsider hierher verirrt. Offenbar fehl am Ort und durchaus nicht im Bilde, war der brave Mann in heller Empörung einem Habitué zu Hilfe geeilt, als dieser, seiner innersten Neigung nach, schon an der Türe, nachdem er lange vergeblich gewartet, mit einer Flut von Injurien durch eine Beamtete des Unternehmens empfangen worden war. Der in seinem Vergnügen Bedrohte, an Ureigenstem verstört und gehemmt, zeterte nun seinerseits los:
„Wo die Ordnung bleibe — Wirtschaft —! Ob man meine, er zahle sein Geld für nichts? Sacré nom d’un petit chien marron! — Wozu unterhalte man denn sonst den ganzen Betrieb!“
Und nun begannen alle: Handelnde und Behandelte über den schlichten outsider herzufallen und warfen ihn die Treppe hinab. Sogar ein Ölreisender in Pyjamas war, wie aus der Kanone geschossen, plötzlich dabei und beteiligte sich unter Beteuerungen, daß er ganz normal sei, aber sicher noch seinen Nachtzug nach Lyon versäumen werde, an dem Strafgericht. Stürzte dann wieder zurück — — fait vite — fait vite — rief es aus dem Zimmer, machte bei halboffener Türe ein paar Griffe an seiner Dame, fuhr herein, heraus und in seine Kleider, fand zwischendurch noch Zeit, sich bei der Direktion über „cette grue“ zu beschweren. Frechheit, während seiner Liebe habe sie einen Apfel vom Nachtkästchen genommen, hineingebissen und die Kerne zum Plafond gespuckt, wie um zu zeigen, auch sie wolle eben ein Vergnügen dabei haben. Kränkend sei das! „Freche Hure“. Er spuckte aus und sauste mit zwei Musterkoffern die Treppe hinab. Vielleicht hatte er vor dem Tor gar den Hinausgeworfenen noch überholt und im Vorüberstürzen Zeit gefunden, diesen über den Grund des Treppenflugs sexuell aufzuklären.
Ein Mißverständnis eben. Nein, Horus würde in deutschen Amtslokalen nicht mehr „schlichten outsider“ zu spielen versuchen. Staunte auch nicht, als jetzt ein neues System teuflischer Netze den schäumenden Haufen, knapp vor seinem Ziel: dem Bahnsteig, abfing, daß er davor zu einem Block Unluststoffe gerann, dessen Lodenhülse unter dem Druck sich durch die Gitterstäbe spannte als platzende Ballonhaut. Drei Zentimeter jenseits, vor Himmel und Schienen, gähnten ein paar Götzen mit Zwickzangen im Leeren, vor der leeren, längst bereiten Zugsgarnitur.