Nur helleingesehene Unmöglichkeit, sich dorthin durchzuboxen, hielt Horus ab, sich gerade auf diesen reißend Verpöbelnden zu werfen, doch auch seine Glieder waren eingekeilt zwischen Mauer und Mob.
Einen Moment duckte sich Stille im Raum. Bogenlampen flirrten hoch darüber. Dann grellte ein Ton auf, dem sich in der ganzen Natur an Gemeinheit nichts vergleicht. Der infernalische Ton eines johlenden Europäerhaufens pfiff hinter dem hingespienen Zigarettenstummel drein, zwischen Fingerstumpen hinausgegellt als onanierende Niedertracht.
„Der Hosenrock muaß aver ... übern Hintern gspannt, ghörat er ihr, der Hosenrock.“ Ein Stierkerl mit Wurstpratzen hatte es gebrüllt. Temperamentlose Wut aus eiskaltem Schweinespeck gebar zuerst Moralsadismus. Die Weiber heulten Triumph. Das wieherte, spie, trampelte im Rudel heran um die weinende Frau. Unter gingen ihre Hilferufe im Gegröle des Mob. Von der Welle aus Feigheit in Frechheit hinübergespült, warfen sich die zwei Halbwüchsigen platt auf den Bauch, krochen ihr unter den Rock, hoben ihn rechts und links mit den Köpfen hoch, zerrten die Beine der Wimmernden auseinander, daß sie mit dem Gesicht platt in den Kot fiel ... Mit haßkrummen Pfoten stürzten sich die Weiber über die Liegende, rissen ihr die Kleider in die Höhe, die Hose auseinander ... der russische Nasenbohrer fanatisierte die Herde rechts und links, wie ein anspringender Hetzhund.
Vorn der kleine Leitjude kniff sich eilig einen zweiten Zwicker auf, reckte feixend den Hals, um besser sehen zu können.
Eine Megäre heulte wehleidig auf: „A soa Kanalli.“ Sie hatte sich an der Hutnadel ihres Opfers geritzt.
„Volksgericht ... Volksgericht,“ das ausrangierte Schachrössel zerriß sich fast in der Luft, doch keiner scherte sich drum. Eine Blase grüner Gier, schwoll die Pöbelgeile über ihrem Opfer, immer höher aufgetrieben von den fanatisierenden Sprüngen des slawischen Nasenbohrers.
Auf einmal stach ein Polizeipfiff die Blase an, feig und flach fiel sie zu einer Linse zusammen, gerann immer dünner, bis das Straßenpflaster aus ihr aufstieg, in dem ganz allein, in Qual und namenloser Scham, sich die gemobte Frau mit grellentblößtem Unterkörper wand.
Außer ihr fand die Wache eigentlich niemanden mehr zum Verhaften vor. Zwei Polizisten führten die Halbohnmächtige ab, ein Dritter bückte sich nach dem Hosenrock. Mit strenger Hand hielt er das „Ärgernis“ in sittlichem Ekel weithin von sich ab. Wies es anklagend rundum, begann plötzlich zu gluren, zu grinsen, und alle rings im Kreise grinsten mit. Man schlug sich auf die Schenkel vor Vergnügen.
Das war ja gar kein Hosenrock.
Auf die entleerte Straße schlich es sich jetzt hinter einem Häuserblock schlacksig heran, alle Körperknochen eckig unter die engen Augen gehäuft: der Hetzhund des Haufens warf sich platt nieder, windelweich auf einmal. Begann das glitschige Frauenblut aus dem Straßenschmutz zu saugen, umarmte das Pflaster, quetschte seine Seele wie einen verschnapsten Schwamm über den Brei aus Blut und Kot, in greinendem Gefasel, menschheitsduselnd aus.