„Gradstehen,“ flüsterte die zerpatschte Frau.
Nun begann es, Nagelwurzeln zupfend, den Hymnus: „An die Freude“ aufzusagen. Angst rann ihm die Beine hinab unter dem blaublutigen Tyrannenblick des Alten. Einmal stotterte es, stockte ganz. Gierige Härte trat lauernd in das alte Steingesicht dort oben, gleichzeitig hob drüben die greise Gattin im Rollstuhl ihren Krückstock, als wolle sie ihn dem Manne hinüberreichen, dabei klirrte das goldne Kettenarmband, und sie schob es die ganz vergichtete Hand auf und ab. Es war nur ein Augenblick gewesen, wie aus uralter Gewohnheit heraus. Dann schrak sie zur Wirklichkeit zurück: ein Enkel — große Gesellschaft! Auch ratschte das satinene Kind schon wieder weiter. Horus aber hatte diese Sekunde lang, inmitten der Tafel zwischen den Rollstühlen, Oskar Samossys Gesicht geschaut: das Gleiche wie damals, als Schillers Name zum ersten Mal zufällig fiel: ein ganz kindischer Knoten hilflos diabolischen Hasses und doch vager Süchtigkeit voll.
Es war entsetzlich. Schamlos und beschämend. Der Goldäugige ließ eine Gabel fallen, bückte sich weg, tauchte fort aus dem Augenblick, bis die Gesichter oben wieder neu geworden waren. Hatte begriffen.
Gleich nach aufgehobener Tafel wollte er gehen. Im Rauchzimmer hielt ihn Dallmeyer an, vor öliger Schnapssüße hemmungslos:
„Was hat der alte Gauner gemurmelt, wie ich das mit dem ‚zärtlichsten Vater‘ und ‚Schöpfen aus dem Vollen‘ gesagt habe, Sie saßen ja neben ihm?“
„Etwas recht Unverständliches. Klang wie: ‚sind froh, wenn sie trocken Brot haben‘.“
Dallmeyer quetschte die Importen im Kistchen der Reihe nach wählerisch durch:
„Recht verständlich für den Eingeweihten, Verehrtester. Der Schnorrer von Sohn hat wirklich nicht Brot auf Hosen. Die Butter vom Brot hat sich der Alte selber reserviert; ihm das Inventar viel zu teuer angehängt, vorher fast das ganze Betriebskapital aus dem Geschäft herausgezogen, schließlich sich noch ein skandalös hohes Fixum jährlich ausbedungen, so daß der Nachfolger seit Übernahme der Fabrik abhängiger von ihm ist als je zuvor. Ab und zu, wenn er ihn die Kinder durchhauen läßt, darf er sich für sechs Hemden Kattun aus dem eignen Betrieb nehmen.“
„Warum ist der Sohn auf solche Bedingungen eingegangen?“
„Weil er ihn erst ein Leben lang mit dieser Nachfolgerschaft hingehalten, ihn verhindert hat, sich rechtzeitig eine andre Existenz zu gründen. Soll er jetzt mit fünfundvierzig und drei kleinen Kindern in der Fremde von vorn anfangen? Überdies droht dann noch Enterbung. Schließlich hat er sich gedacht: ein jährliches Fixum bei der Wassersucht? Warum nicht? Aber das alte Luder ist ja zählebig wie ein Krokodil.