„Nein,“ sagte die erfahrene Person.

Die Weiber erwürgten langsam ihre Tage mit fortwährendem Lauern: auf das neue Modeheft — die Manicure — die Sommerreise, allem zum Grund: ein vag erotisches Lauern. Schon am Morgen begann es mit Rudeln von Schlafröcken um den Fernsprecher im Korridor, bis die junge Frau „in Scheidung“, — sie trat jeden Tag ein Kind per Telephon ab, — mit ihrem Advokaten fertig war; ihm für den Prozeß alle Arten unnatürlichen Verkehrs geschildert hatte, zu denen ihr Mann sie angeblich gezwungen. Der am andern Ende des Drahtes schien als Frager emsig und gewissenhaft, doch nicht eben leicht zu befriedigen.

Dann kam für die übrigen das Lauern auf die Börsenkurse. Ließen sich mit Stellen verbinden, die sie neckisch oder betörend „Herr Spitzer“ oder „Herr Neustein“ anredeten, girrend nach Tips für „Prager Eisen“, „Rima“, „vereinigten Gummi“. Alles in merkwürdig breiigen Kretinlauten; galt es doch in dieser Stadt offenbar für unweiblich, einen korrekten Satz zu sprechen, die Männer fanden das gespreizt, witterten für sich Unbequemlichkeiten, winkten ab.

Nun erschien meist das Stubenmädchen im Korridor, um sich laut zu beschweren: Nacht für Nacht müsse sie bis ein Uhr wachbleiben, um dem Fräulein von Nummer acht, der sozialdemokratischen Führerin, noch die Bluse hinten aufzuhaken, wenn sie aus den Versammlungen in Ottakring nach Hause käme. Jetzt gehe sie zur Direktrice kündigen.

Mit den frühen Nachmittagsstunden begann jenes Lauern, das die Frauen „Ordination“ nannten oder „den Professor konsultieren“. Es bestand offenbar darin, daß ein indifferenter Mann, durch Entgegennahme von Geldeswert bewogen wurde, ihre intimsten Teile täglich längere Zeit hindurch — wenn auch ohne sonderliche Freude — eingehend zu betrachten, und dort womöglich operationsreife Geschwülste oder krankhafte Entartungen zu konstatieren. War dieses Ziel erreicht, wisperten die Arrivierten, glitzernd aufgeregt, nur mehr über ihren Unterleib, der von nun an auch in der Konversation den breitesten Raum einnahm. Gebrauchten schleierlose medizinische Ausdrücke: Uterusbespiegelung — Auskratzung — Eierstockzisten gleich Aphrodisien. Durfte man ihrem Gehaben trauen, war so ein Operationstisch das reine Lotterbett.

„Ich bin es meiner Gesundheit schuldig,“ eiferten sie, wollte der Mann das viele Geld nicht hergeben. Daliegen und mit Instrumenten an sich herumstochern lassen, galt für Pflege; sonst hatten sie nur eine nachweisbare Tätigkeit: Zu- und Abnehmen.

„Fünf Kilo hab ich schon abgenommen, seit Sie da sind,“ sagte die Dame mit der Auskratzung und machte Märchenaugen, „mir scheint, Sie sind ja für Magere.“

„Doch nicht für Abgemagerte.“ Dann höflich belehrend: „Eine Frau darf nach dem fünfzehnten Lebensjahr ihr Gewicht nie mehr verändern, sonst ist durch Spannung oder Schlaffung ihre Oberfläche nicht mehr kindlich zart genug, feinste Entzückungen zu geben und zu empfangen. Muß doch, wo immer man eine Frau hinküßt, ein winziger Muskel den Kuß erwidern können.“

Von da ab galt er für eine Art ästhetischen Ogers, hatte aber Ruhe vor den Weibern.

Manchmal erlustigte er sich zu staunen, wie dies alles schon mit differenzierten Organen protze. Ließen sie sich denn wirklich nicht mehr beliebig durchschneiden wie niedre Lebewesen? Gerannen nicht doch wieder irgendwie zu einer amorphen Masse, die „Fritschi“ oder „Lentscherl“ hieß?