„Im Haus ist doch der Schwamm.“

Der Schwamm! Sibyl meinte förmlich zu sehen, wie ihr Heim aufrechten Leibes verweste, eines schönen Tages aus den Grundmauern heraus zu stinkendem Brei zerfiel, vor dem man ratlos auf der Straße saß.

Durch den großen Organismus dieses Haushalts lief immer Geiz in Krampfadern. Im Licht von vierzig Glühlampen ward am Zündhölzchen gespart. Wunderliche Hemmungen im Hausherrn selbst. Starre, Schwäche, Wahn, ihm anhaftend aus enger Jugend, lag dem allem zum Grunde. Ein Kuß, ein Scherz, anmutiger Spott hätten diese Restbestände vielleicht lächelnd aufgelöst, so aber verbreiterte sie das karikierende Märtyrertum seiner Frau wie mit Scheinwerfern über das gemeinsame Leben. Schon stumme Duldung einer Ersparnis wurde zu stummem Befehl umgedeutet, dem man mit leidender Beflissenheit zuvorkam, wie um weit Ärgeres auf diese Weise eben noch abzuwenden. Seine intimsten Irrwege fand er solcherart immer schon vor seiner Nase zu Chausseen ausgebaut; was Wunder, daß er sie mechanisch weiterging.

Einer alten nordischen Stadt entstammend, war er als Erster aus der Geschlechterkette von Gelehrten, Staatsbeamten, Ärzten, erobernd herausgetreten, in der Fremde die langgezüchteten Fähigkeiten lukrativ als Erfinder und Unternehmer zu verwerten. Kulturell Patrizier, materiell Parvenü, blieb der reine Ruf seines Blutes der Kargheit zugewandt, sein starkes künstlerisches Sehnen aber brach sich am Weltpovel dieser ganz von Gott verlassenen siebziger und achtziger Jahre. So schnellte er auch aus Trotz zuweilen wieder in die Kargheit zurück.

Ein jähzorniger, steckengebliebener Weltherr, dessen mächtiger nordischer Same durch den nichtigen Leib seiner hübschen Frau hindurchgeschlagen hatte, als wäre sie Nur-Gefäß, um in einem einzigen Kind geheimnisvoll sehnsüchtig sich selbst zu „überzeugen“. Oder rührte die Entstehung dieses Wesens schon an das Geheimnis, wo die Natur plötzlich zu „springen“ anhebt: fecit saltus. Das Beispiellose aus sich heraufwirft in einer generatio spontanea als neue Art, wie es im Reich der Pflanze sich zu offenbaren beginnt? Maßlos für dieses Spätgeborne war seine Eitelkeit, seine Liebe und sein Unverstand. Gewaltsam, instinktirr, barbarisch und sentimental dilettierte er an ihm herum. Entfachte Diskussionen, um seinen Stolz in dem leuchtend frischen Hirn zu sonnen, zugleich mit seiner Tyrannei, denn nahm die Polemik eine andre Wendung als er vorausbestimmt, oder ward er gar selbst in die Enge getrieben, verbot er seiner Tochter einfach den Mund, und um so heftiger, je hohler der formale Vorwand:

„Genug — kein Wort mehr — ein junges Mädchen hat sich nicht so apodiktisch zu äußern, das wirkt unbescheiden und abstoßend.“

Wie sie als Kind nicht hatte weiterfragen sollen als er wußte, so jetzt nicht weiterwissen als er frug. Empört tat sie unter so unfairen Bedingungen nicht mehr mit, lehnte Diskussionen schweigend ab, oder gab ausweichende Antworten. Nun verfiel er darauf, sie bei Tisch, wo Flucht schwieriger war, systematisch so lange zu reizen durch hämische Angriffe auf große moderne Geister, die er nicht kannte, aber mißbilligte, bis sie in zitternde Worte ausbrechend, sich wieder fangen ließ; denn hier war das ja anders als mit denen in der Tanzstunde; Papa wollte man nicht so ohne weiters aufgeben, wenigstens nichts unversucht lassen, ihn doch noch zu heben, zu entwickeln. Hätte es nur nicht immer gerade bei dieser barbarischen, gemeinsamen Esserei sein müssen, mit ihren trivialen Vorwänden zum Unterbrechen:

„Die Leber vielleicht etwas brauner rösten, das nächste Mal ...“ oder:

„Nimm noch von der Paradeissauce.“

So trieb dieses verhaßte, nichtige Erwachsenengewäsch stets Keile quer in die Gedankenrichtung hinein: gerade wenn man mit glühenden Ohren im Kühnsten und Herrlichsten gewesen.