Er nahm es als karmische Fügung: man frägt nicht viel und lutscht. Leise schaukelnd. Seine beborsteten Augen, geäderte Billardbälle, weichen vorbei, immer ins Leere, nur die Rüsselspitze, hellfühlend, äugt nach mehr.
Vor siebzig Jahren war er Buddhist geworden, damals, als das Malheur mit der Herde passierte. Die „Affäre“ war zwar ohnehin verjährt, aber auch so — nein, er hatte sich durchaus nichts vorzuwerfen.
Wie etwa mit Benedek bei Königgrätz Anno 66 war es gewesen. Alle hatten das auch anerkannt und sich wirklich reizend benommen. Durchaus würdig. Keine Vorwürfe: „wären Sie nicht“ ... „und hätten Sie doch nicht“ ... „und sehen Sie, das kommt davon ...!“ — Nein, nicht einmal die Kühe hatten gekeift. Wie hätte er auch wissen sollen, daß der neue Vize-Roy, so einer von den fahlen Affen mit dem komischen Geruch, einen Kraal: Einfangen wilder Elefanten in heimtückisch kaschierter Umzäunung, anzusehen gewünscht?
Monate der Qual waren das gewesen: immer gescheucht, abgetrieben vom Wasser; wo man nur eine Quelle roch, fielen Schüsse, und Feuerbrände jagten die verdurstende Herde weiter. Die armen Babys, zum Schutze unter den Müttern laufend, wie unter einem galoppierenden Säulenportikus, waren schon ganz eingeschnurrt, mit verdorrenden Rüsselchen die saftlosen Brüste sehnsüchtig drückend. Da — endlich eine Nacht des Friedens, der Ruhe, auf dicht umhegter Lichtung Wasser. Einen Augenblick zauderte er: der Führer. Alles roch so verdächtig nach fahlen Affen rundum. Wäre er umgekehrt, die Herde hätte vielleicht noch gehorcht. Aber so—o—o— viel Wasser! Bis zum Bauch. Man war schließlich auch nur ein Elefant. Röchelnd vor Gier stürzte er sich hinein. Ihm nach die schwere, graugebuckelte Wolke.
Da schwang wie ein Tor der schmale Eingang der Lichtung zu, sie war nichts gewesen als umzäuntes Gehege, und ein Kranz von Geschrei stand plötzlich um sie auf, von Fackeln und Raketen, daß man an die elenden, mit Lianen umschnürten Pflöcke nicht herankönne, sie zu zersplittern.
Da hatte er noch einen Rüssel voll Wasser geschluckt — auf die fünf Minuten kam es auch nicht mehr an —, dann alles hinaus ins Zentrum der Lichtung beordert. Babys und Kühe in die Mitte, die Bullen ringsum: Rücken an Rücken, Stoßzähne und Rüssel nach außen geschlossen, zu einem verzweifelten Kreis. So erwarteten sie den letzten Kampf; in Disziplin und Selbstachtung. Die ganze Nacht stand man. Nichts geschah. Dann am Morgen geschah: eine Gemeinheit. Auf Gongs, Schüsse, Feuer, war man gefaßt gewesen, doch es kamen — Elefanten. In hoffärtigem Zug, und jeder trug auf seinem Haupt als Krone einen fahlen Affen mit Schlinge und Seil.
Sprachen durch die Rüssel in einem völlig vertrottelten Slang von „Kulturfortstrom“ — „Gliedpersönlichkeit“ — „individualistischer Irrlehre“. Schließlich blieben es aber die alten Hauer, mit denen sie erst die Schwächsten gewaltsam aus der Phalanx drängten, und die alte Hundsgemeinheit, mit der sie zuließen, daß ehrlich Kämpfenden von dem fahlen Affen oben hinterrücks eine Schlinge ums Bein geworfen wurde. Sofort packten die eignen Entartgenossen dann den Strick, schleppten den wehrlos Gewordenen zur Fesselung an den nächsten Baum.
Qualvoll schnitten die Riemen ins Fleisch. Tag und Nacht. Nie mehr ganz heilten die Wunden. Nach vierundzwanzig Stunden waren erste Bestechungsversuche genaht: Ananas, Kokosnüsse, Zuckerrohr. Aber die Bande hatte alles wieder an den Schädel retour gefeuert bekommen, daß es nur so krachte. Später freilich, wenn niemand hersah, hatte man wohl sachte — sachte mit dem Rüssel hinter sich getastet nach einer Ananas, sie im Kernschatten des geblähten Ohres zum Mund geführt, dabei aber möglichst umdüstert nach der andern Seite gestarrt. Ja — viel durchgemacht in diesen Tagen.
Später, als Rama-Krishna genug vom Leben verlernt hatte, um „gelehrig“ zu werden, trat er in den englischen Staatsdienst: ins Colonial Service mit Pensionsberechtigung nach dem hundertachtzigsten Jahr. Damit war es zwar wieder nichts, seitdem er zu Elchos gekommen, aber dafür galt man hier mehr als Freund und Ratgeber des Hauses.
„Liebes, großes Rüsselschwein, so sieh einem doch einmal in die Augen,“ und Gargi versuchte, durch Rama-Krishnas Sehfeld gleitend, seinen kurzsichtigen Blick zu fangen. Es schlug fehl. Da berührte eine schwebende Spitze ihre Schulter: die zweifingrige Rüsselmuschel, aus der es satt und lau duftete, wie aus einem Riesenfaß voll Met. Es war eine Liebkosung von überraschend zarter Weisheit, verklärtem Hedonismus. Aus flaumiger Nähe, die keusch das Berühren ins Ätherische hob, küßte er Arabesken aus Hauch über ihre Haut. Gargi verstand. Machte die Kinderarme knochenlos und muskelhaft geschmeidig, wie das Wunder des grauen Nasenarms vor ihr. Nun begann es in den Lüften: schwebendes Spiel dreier Schlangenkurven. Jede an jede funktionell gebunden, einander nie berührend, schufen sie reizende Raumgebilde aus unwägbarer, reueloser Lust.