Nein, Bildung ist keine Angelegenheit des Großhirns, — ist Puls, Haar, Haut, Geschlecht — das — das.“
Und ehrfürchtig, fast zaghaft, fast ein wenig errötend, nahm sie, wie etwas über die Maßen Köstliches, Gargi in ihre Arme, die lautlos in die halbdunkle Apsis zurückgeflogen kam und mit Füßen — schmal wie Schwalben — durch die Fesselringe in ihre Sandalen aus weißem Antilopenleder. Bückte sich zugleich nach dem Stück silbergesäumter Seide am Boden; drei, vier unbegreifliche Griffe: ein Sarong. Vor Sekunden noch nacktklarer, halbdurchscheinender Sylph, stand Gargi nun: ganz Dame wieder und bekleidet ohne Fehl.
„Die Erziehung eines Kindes hat vor seiner Geburt vollendet zu sein.“ Diesem chinesischen Lieblingssprichwort treu, hatte Diana Elcho sich zwar stets bemüht, ihrem Sohn die besten Lebensgelegenheiten zu schaffen, es aber völlig ihm überlassen, wie er sie verwende.
Stets erreichbar, wenn er sie brauchte, war es gerade ihr Stolz als Mutter, möglichst wenig gebraucht zu werden, es sei denn in bewußtlosem Wohlgefühl organischer Nähe. So genossen beide gesegneter Freiheit voreinander, die der älteren ermöglichte, ihr schwieriges und vielfältiges Leben restlos auszuwirken.
„Denn,“ — hatte sie einmal zu Erasmus geäußert, — „wer sich nur als Durchgangsglied empfinden will, wird auch nur Durchgangsglieder hervorbringen. Wer nicht den langen Atem hat, über die Elternschaft hinaus an der Linie eigener Vollendung fortzuwirken, wer sich unter irgendeinem Vorwand ‚aufgibt‘ — ‚aufgeht‘ in seinen Kindern, wie er das beschönigend nennt, belastet mit verschleiertem Bankrott die eigne Nachkommenschaft. Wie der fette Alp auf Sindbads Rücken hocken seine ranzigen Träume — sein fauliges Versagen — als ungetaner Lebensrest auf ihrem frischen Dasein: seiner Seele totes Gewicht, weil er sich ihnen ja ‚geopfert‘. Nein, diesen Mütter- und Weibertrick macht ein Mensch mit Selbstachtung nicht mit.“
Die besten Lebensbedingungen. Neben der Schöpfung des Hauses Elcho war Gargi zu seiner ersten Frau zu gewinnen die schwierigste gewesen. Hatte Hilfe gesucht bei der Rani von Travankor, der jahrelange Freundschaft sie verband.
Die Rani zog die langen Augen schmal zu einem Phosphorband, dann mit fernem Lachen in der Stimme, auf alles gefaßt: „Eine Brahmanin?“ —
Die andre neigte „nein“. Wußte: es war unmöglich. Und wäre es selbst denkbar gewesen, aus einer der vierundsechzig Stufen, in die — nach Reinheit des Blutes — die Kaste zerfällt, Horus ein Wesen zu gatten, ihr eigenes Gewissen hätte verwehrt, daß planvollere Blüte des Menschentums, als ihrem Sohn zu sein vergönnt, durch ihn gemindert werde an emotioneller Lebenshaltung; betrogen vielleicht um seine köstlichsten Reaktionen: jenen nur an letzter Wechselwirkung entflammbaren, die nur der von Schauern ganz erfüllte Weg ans Licht zu treiben vermag. —
Daß eine Kette zerriß von solcher Verzartung, Verdichtung, Verglutung der Instinkte: Kette, der jede Generation in Selbstbezwingung bis in den Schlaf hinein, an Wahl der Nahrung, in Atmung, Gedanken, Gebräuchen ein Glied hinzugefügt, — daß so etwas zerriß; ihr einziger Sohn war es nicht wert. Sie hatte zuviel Ehrfurcht davor. Es war zu kostbar: hatte Jahrtausende gekostet.
Sagte leise: „Entsetzlich, zu denken, wieviel die Frau in der Liebe riskiert.“