Stieß zum erstenmal gegen das Sonderbare in seiner Erziehung — blieb perplex.
Kannte nur Wissenschaft, Technik, Musik der weißen Rasse. Nicht ihre Körper, noch den Geist ihrer Körper: Bräuche — Sitten. Also nichts. Warum? Schwieg dazu. Hatte zu oft die Köstlichkeit des Schweigens erfahren. Ihm schien, er hätte durch die Unzartheit der Frage schon volle Befriedigung aus der Antwort vertan. Hier lag ja offenbar ein feiner, höchst komplexer Plan zum grunde; fragloser Einweihung allein war volle Freiheit, Weite gesichert, nur sie befriedigte ganz, weil nicht von vornherein in den Engpaß einer Frage gezwängt.
Und dann wurde er langsam sehr glücklich, denn er meinte verstanden zu haben.
Hatte sich oft vor Gargis Augen, oder auch manchmal vor nichts Besonderem: einem Zweig, eines Zweiges blauem Schatten, was man so „nichts“ nennt, in einen jungen Löwenwurf hineingeträumt, den eine dünne Haut noch von der Lichtwelt trennt. Das saugt, tappt herum, atmet, glaubt sich schon ganz geboren, und dies sei nun eben alles. Da reißt die Eihaut des Auges, in unerhörte zweite Lichtgeburt. Und welche Chance, daß unter allen Europäern gerade ihm — als erwachtem Menschen — solch zweite Lichtgeburt in die weiße Welt sollte vorbehalten sein. Durch seine Mutter. An allen Nerven überflutet werden, wie nur ein Entblendeter überflutet werden mag, in den erster Sonnenaufgang hereingebrochen kommt: diese ungeheure Freude hatte sie ihm gönnen wollen, weise aufsparen für sein erwachtes Herz.
Wann? Bis er reif, würdig geworden. Fähig, es ganz zu genießen.
Arbeitete von nun an so, daß Erasmus meinte: „Vier Jahre nur — vielleicht.“
Da suchte Horus nach einer Wendung, wiegte sich, funkelte in ihr — wagte es schließlich doch — sagte schüchtern, etwas zögernd, zum erstenmal: „Wir — wir Europäer.“
Dies ungeheure weiße Dasein, von ihm gebildet aus dem Hellsten, das er kannte: hohen Violinen — gleitendem Nickel; geisterhaft ging es immer mit, durch alles Tun, ragte ätherisch herein; ihm straffte er sich entgegen, durch jeden Alltag hin. Doch gab es Lieblingsstunden, da nahm er es träumend vorweg, meinte sich ihm nah. Etwa an der Orgel als brausender Gott: Demiurgos in Person, wenn er mit einem Griff den Wald in der Hoboe erschuf, sumpfiges Grunzen der Büffel im Kontrafagott, und zu diesen das schrille Silber stieß aus den flimmernden Registern. Eisblaue Knabenstimmen dazwischen aus mutierendem Metall. Nun trat sein Fuß mit dem Starrsinn seiner Ferse aus dem Tiefen wuchtendes Gesetz: jenes, nach dem die Gestirne und die großen Herzen wandeln. Das stampfte ins Silber hinauf, rüttelte an waldigen Schultern, bis alles umschwang in die Doppelfuge seines Tierkreiswillens.
Jetzt durch alles hindurch, ließ er ein Wehen anheben auf der dritten Klaviatur, schlingerndes Pfeifen, das zum „grand jeu“ wuchs, Klanggischt an die Wände warf, aus Ertönen Ergreifen machte — den Raum ergriff, wie jene grenzenlose Hand aus Hauch sein Herz, um es nach einer andern Sternenstunde einzustellen. Ortlos, ein Scheinwerfer aus dem Unendlichen, stand es wieder als Blick auf ihm — brach ihn auf — blühte ihn auseinander. Da wußte er sich im Sehfeld des Aschenauges — stark, wehrlos und geborgen. —
Durch geschlagenes Glas fiel die Oktave des Lichts in den erschütterten Raum, und nun vermeinte er Newton zu sehen — als Kind, wie es zum erstenmal in den Klang der großen Orgel tretend aufsah, glaubend, nur aus der Farbenrose oben könnten diese Stimmen kommen.