Das war ja alles noch der üble Gasring — die Schranke der Schrecken —, nur unbeirrt weiter im eignen Kraftfeld schreiten, durch alles hindurch, über alles hinweg, bis man zur weißen Rasse kam.
Es konnte nicht den ganzen großen Geburtstag verregnen. Und dann zuckte er doch zusammen — zum zweitenmal heute. Er hatte die Stellung der Europäerin gesehen: Fäuste in die Hüften gestemmt, mit vorgetriebenem Birnenbauch, Gekeif vomierend — hemmungslos. Und der begeiferte Mann, wiewohl furchtbar von Gebiß, mit von Saublut beschmiertem Schurz und breitem Messer, schlich eingezogenen Gesäßes vom Grünkramladen weg. Selbst seinem harten Ohr ward übel.
Fäuste in den Hüften: diese Megären-Stellung der Frau war Indien und China unbekannt. Zorn erfand dort andere Gebärden.
Über das zerhackte Gezappel des Lebenshaufens floß es plötzlich als großer Bronzeton Asiens hin — Chinas. Oh, Glocken. Wie warm. Er sog die tönende Welle tief in seinen Leib, ging ihr nach über einen Platz — über Stufen — durch ein braunes Tür-Kissen in den Duft von erkaltetem Orient hinein und einen großüberkuppelten, menschenleeren Raum. Flammicht verschroben war alles an ihm: schraubenförmige Säulen, als wollten sie jeden Moment, wahnsinnig rotierend, sich in den Boden einbohren und verschwinden, entließen oben Wolken aus steinigem Eiter; aus allen Ecken quoll es, bauschte sich grau, mit grellen Papier-Rosen behängt.
Gewesene Menschen schlurften die Nischen entlang, knicksten vor einem schlechten, angenagelten Akt. Reste von Weibern waren in triefäugiges, klangloses Plärren vor ihm versunken. Nein, versunken nicht: ihre Rattenaugen funkelten dabei aus dem Halbdunkel ganz nüchtern gegen die beiden freien und stillen Fremden. Er wischte sich die Schleimspur dieser Blicke vom Gesicht.
Aus graumarmornem Schaum und winselnden Gebärden, aus schrägem Gehimmel gemalter Posen, von überall kroch es flammicht um den schlechten, angenagelten Akt.
Um ihn schienen die versteinerten Unluststoffe einer ganzen siechen Welt zu Prunk geballt. Als hätte ein riesiger und bleicher Buckliger mit schiefen Leichenfingern sich eine überladene Apotheose eigner Dekrepidität an diesem Raum geschaffen. Doch warum waren die wonnigen Glocken und Asias Duft gerade an diesen welken, eigensinnig verschrobenen Ort für erloschene Menschen gebunden?
Am Tore suchte er nach einem Anhalt, wo er eigentlich gewesen, fand über dem Portal etwas von „Jesu“ oder „Jesuiten“. Es klang ihm wie fernes Befremden ums Ohr. Hing das nicht mit dem Privatfetischismus jener kleinen Barbarenhorde, den entlaufenen Sklaven der Ägypter und ihrem seltsamen „Herrn“, zusammen, in deren Chronik er einmal geblättert? Hatte so ähnlich nicht der kleine Volksführer mit seiner Predigt gegen die Bildung, der so viel sprach und den „Heiden“ Plappern vorwarf, geheißen, jener, der sich auch noch gerühmt, Sohn des polternden „Herrn“ mit den schlechten Manieren zu sein.
Ach ja, wie hatte das doch geheißen: „Denen wäre besser ... Mühlstein um den Hals, wo es am tiefsten ist ... ersäufen.“ — „Da wird sein Heulen und Zähneklappern“ ... „Und werden sie in den Feuerofen werfen“ ... „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“.
Ja, ja, richtig. Also das gab es auch noch; nicht nur in historischen Fachbibliotheken für ethnographische Kuriosa? Die aggressive kleine Horde lebte demnach bis heute, hatte hier auf europäischem Boden sogar eine Zweigniederlassung ihres barbarischen Fetischismus mit seiner Saat von Bosheit, Anmaßung und Intoleranz.