Deutsche Greuel an afrikanischen Eingebornen vor dem Reichstag ... stock exchange ... liver pills ... beecham’s pills ...

In die Luft geflogen ...“

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Sir Osmond Cadogan reichte ihm das „Echo de Paris“ herüber.

„Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel anläßlich der heutigen Reprise in der ‚Renaissance‘ ... falls Sie die große Tragödin in dieser Rolle noch nicht gesehen haben. Oh, es ist sehr wunderbar“ ...

Dann versteifte sich der rosa Greis, stand steil und fassungslos. Was war denn diesem goldäugigen Exoten auf einmal geschehen, dessen Allüren, ihn gestern so getroffen, daß er eine Anknüpfung gesucht? Grüner Ekel sah ihn ja da an, doch wieder viel zu groß, um noch persönliche Beleidigung zu sein. Solche Leute von Übersee, trugen sie auch, wie dieser, einen noch so guten Namen, letzte Kultur und Gesittung ließen doch immer ein wenig zu wünschen übrig. Zur Beruhigung griff er seinerseits nach der „Morning Post“, die jenem entfallen war. Bald kehrte ihm altes Behagen zurück:

„Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen ... An einem Schweinsdarm im Hofe erhängt ... deutsche Greuel ... Golf ... liver pills ... In die Luft geflogen ...“

Abends fuhr er allein zur Vorstellung. Place Vendôme—rue de la paix—rue des petits champs—avenue—boulevard — schiefes Zick-Zack — wieder boulevard: straßenlang aneinandergelehnte hilflose Unfähigkeit, mit ihren Kilometern unbenützbar angequetschter Balkönchen, holperte gesimseschief die Autoscheiben entlang. Der Träumer seines weißen Traumes umformte — hinter gesenkten Lidern — mit seinem Raumsinn indessen das Problem: Theater.

Er kannte bislang nur die antike, von Süden vereinfachte Lösung: ein Ring aus kristallinischem Stein, geschlossen gegen das bröcklige, pfützenweiche, amorphe „Draußen“ und was dort sich abzappelte, abschmatzte, anspie und verreckte, noch ohne Stern — Achse — Persönlichkeit — Schicksal. Drinnen: konzentrische Marmorrillen, glatt, nur schauender Augen voll, in einem Eierstab lebendiger Köpfe. Drüber: offener Zenith, querdurch zuweilen Vogelflug, sich abbildend im Inneren des Ringes als springender Schattenball oder dunkler Strich von nichts zu nichts. Im innersten Ring ein kleiner Marmormond für sich: der Chor — Mittler zwischen Menge und Mensch. Auf der Bühne, durch Maske und Kothurn entrückt, die dramatische Person: Verdichtung ins Ungemeine von zehntausend Einzelleben, wie Blutwasser aus zehntausend roten Rosen über Feuer erst zu einem Tropfen Essenz gerinnt. Und das Drama: da ballt sich aus dem Leeren, in dem der Nichtige ungefährdet treibt, gegen den starken Ungemeinen das Trikymion auf: die dreifachen Brecher des Geschehens steilen sich ihm lautlos, wie einem Mond, entgegen.

Schon schwebt er über dem Ersten und in ein trügerisch gläsernes Tal. Dann siegend über den Zweiten — glatte Weite blaut auf einmal vor ihm auf mit Glanz von Paradiesen; die Welt scheint auszusetzen, atemlos. Nur Persönlichkeit und Schicksal bleiben brütend gegen einander überhangen. Durch diese Pause im dramatischen Geschehen rast jetzt, als Satyr-Zwischenspiel, das Chaos; metallne Phallusse klirren, aus rotem Tieratem tauchen: elfenbeinerne Triangel, die leichten Schultern der Flötenspieler. Mit Huf und Horn galoppiert es, noch leerer Trieb, vorüber ins Leere.