Nein, am Alter lag es nicht.

Das eine Ohr der Tragödin begann jetzt zu tropfen. Ihre Kapriolen über das Sofa nebst den restlichen Leibesübungen machten, daß Rötliches und Fettiges von ihm absickerte. Unter dem abgemagerten Kopf hing ihr ein Kuheuter zwischen Vatermördern herab. Gut. Doch was war mit dem fettgewordenen Leib geschehen, das ihm dies Unmenschliche geben konnte?

Einen Kontur, wie ihn kein Gebrest, kein Geschwür, keine organische Entartung je zustande brächte, denn diesem Leutnant wuchs — stahlhart — eine schiefe Ebene vom Abdomen in den Raum hinaus, so, als hätte er eine gespaltene Pyramide verschluckt, ohne sie richtig verdauen zu können. In dies schräg abstehende Korsettgerüst vor dem Magen hatte man nun von oben die Brüste hineinversenkt und verteilt, von unten hinwiederum die Eingeweide hinaufgeschraubt; beides wohl um des Knabenhaften willen.

Aber auch daran lag es nicht, das Namenlose.

Das dramatische Geschehen selbst wurde von Sekunde zu Sekunde alberner — jetzt war es neun, Ende vor zwölf stand auf dem Programm — doch man konnte ja weghören; schließlich blieb auch das futil.

Nein, es mußte wohl aus dieser Art kommen, wie sie sich vergaichten alle auf der Bühne, aus dem, was sie da begingen mit ihren Gliedern, Rümpfen, Mündern, Mienen. Anfangs hatte es ihn eine utrierte Zeichensprache für taubstumme Idioten gedünkt, ehe er schließlich darauf verfallen, das alles solle Empfindung vorstellen — Bewegung gewordene Empfindung; wirklich das, was auf andern Kontinenten atmende Geschöpfe tun, wenn sie leben.

Hastig, passiv, unbehütet, hatte er es ohne Widerstand in sich hineingeschaut, tief hineingelassen in seine klaren Nerven und ihres mahnenden Unbehagens zu wenig geachtet. Herausbrechen hätte er es sollen aus seinen unbefleckten Augen zu rechter Zeit. Jetzt begann in ihm leise angespanntes Verschrobensein, dessen er sich nicht mehr recht zu entledigen vermochte: wie wenn sonst manchmal eine Zehe in Krampf verfällt, sich verkehrt nach unten durchbiegt wie eine gebäumte Raupe — am ganzen Körper war das jetzt so.

Übel verstellt schien sein Herz. Atmen, wie machte man das — Atmen? Steifes Grauen kam langsam herauf, und Zelle um Zelle gerann an ihm zu infernalisch ungekanntem Eis.

Schutzsuchend warf er seine fliehenden Augen in den halbdunklen Menschenraum. Hier aber hing das Namenlose ganz — im Bühnenspiel war nur sein Abbild gewesen — hier lauerte es herein, hier war dieses, was schluckte, immer schluckte: Leben, Glieder, Haare, Steine, ganze Marmorwände schluckte es — alles was echt war, wirklich war.

Und dann: wie durch einen bösen Doppelspat gebrochen, verzerrt, kündete sich wieder aus diesem Lauernden, Namenlosen heraus eine Art infernalische Wandlung alles Seins an. Diese Wandlung selbst war noch nicht da — nur ihre Vorzeichen: Vorzeichen, dieses Vergaichte, das einmal Rhythmus gewesen, dieses Zerbrochene mit abbröselnden Enden auf Frauenköpfen, durch Brillantine wieder zu einem Scheinleben mesmerisiert, dieses planlos Zerstückelte auf allen Körpern, das einst edler Samt, holde Seide gewesen, nun aufgehört hatte als fließender Stoff zu leben, ohne Gewand geworden zu sein. Aus all diesem: eisernen Haken, Abortfrauen, verkritzeltem Marmor, der Greisin in Lederhosen, den Blumen aus Chemie lauerte es herüber.