„Sie scheinen extrem anspruchsvoll,“ sagte Sir Osmond verwundert, „Paris ist ja allerdings nicht mehr, was es war ... diese vielen Südamerikaner. — Kommen Sie doch lieber nach St. M., da finden Sie jetzt die besten Leute von hier und drüben.“

Der 1912te Jahrestag der Geburt Christi: des europäischen Heilands.

Somit waren heute wieder die Trabrennen auf dem tiefgefrorenen See des sehr mondänen Winterkurorts 1800 Meter über dem Meere eröffnet worden.

Horus hatte sich, seiner heimischen Gewohnheit treu, auf seinem Appartement allein servieren lassen: Brot, Reis, Honig, Früchte und Milch. Gargi, erregt, fast entzückt von dem milden Eis dieser neuen Luft und hingegeben der ganzen, ihr so fremden Weiße der Welt, blieb in einen Chinchillamantel gewickelt auf dem offenen Balkon allein. Ihr Gefährte ging, sie nicht zu stören. Er wußte: nun würde sie zum erstenmal in Europa die tiefen und heiligen Spiele ihres wundervollen Atems in der Firnenstille erproben, sich mit der Kraft aller Sehnsucht bis ins Innerste zu reinigen versuchen von der Minderung an Kaste, an der sie, seit der Ankunft in Marseille, stumm litt.

Die Welt war wie ein Negativ. Alle Helle stieg aus dem Boden. Die Erde erleuchtete sich selbst und das Firmament.

Er wanderte an dem schneegebeugten Campanile vorbei und immer auf flaumigen Kristallen hinauf einen gläsernen Berg. Ihm fielen die schönen Namen der neuentdeckten Metalle und seltenen Edelgase ein: Ytterbium, Palladium, Thorium, Argon, Neon, Tantal, Praseodym. Praseodym; stumm hörte er es sich noch einmal an, zwischen Mund und Ohr: das Körnig-Kühne.

Manchmal löste sich eine weiße Last schwer aus den gebeugten Lärchen, stäubte lautlos nieder in das ganz große Weiß, und der befreite Zweig schwankte leise die Sternenbilder auf und ab.

Endlich kehrte er ins Astoria zurück. Das Gedränge in den Gesellschaftsräumen ließ das Vestibül von Gästen leer, nur eine kostspielig aussehende Dame schritt ruhig und ahnungslos zum Lift. Hinter ihr drein, mit einverständlichem Gaunergegrinse gegen die Portiersloge, macht der Zimmerkellner blitzhaft eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit, die jene Dame geschändet zurückläßt. Ein Tritt mit den Augen gibt ihr den Rest. Seine gründreckige Fratze voll Gier, Hohn, Schadenfreude bemerkt jetzt eine fremde Gegenwart, und alles ebbt ins ölig-tückische zurück. War es überhaupt gewesen?

Er ging lautlos auf seinen Schneeschuhen weiter in die Garderobe. Einer der Lungerknaben vertauscht mit affenartigem Geschick Börsenaufträge und Rendezvous-Billets aus verschiedenen Überziehertaschen miteinander, zwei gemauste Habannazigarren zwischen den vorderen Zahnlücken. Der Gast. In einem Augenaufschlag die gleiche Wandlung wie vorhin: ein devotes gedunsenes Kind aus Messingknöpfen hilft dem Herrn Pelz und Überschuhe ablegen. Er ordnet die Frackkrawatte — hinter seinem Rücken erscheint im Spiegel phantomhaft wieder der andere Aspekt: angefressene Finger prüfen, zynisch bis in jede Phalanx hinein, die Qualität seines Mantelfutters.

Die gleichen Finger flechten ihn mit sadistischer Beschleunigung in die Drehtür, als wärs aufs Rad, und er steht in der Hall. Aus ihr schlägt die Grellhölle. 1500 Glühbirnen à 75 Kerzen, alle just in Augenhöhe. Überdies läuft noch jeder der imitierten Marmorsäulen um die falsche Entasis ein metallener Serviettenring aus geschnörkelten Lichtspritzen. Alle schießen sie mitten ins Gesicht.