Endlich verstand Horus. Es handelte sich um eine spiritistische Séance bei Lady Cadogan mit ganz erstaunlichen Resultaten unter strengster wissenschaftlicher Kontrolle. Man bat ihn, hinaufzukommen, zur Verstärkung des Kreises.

Oben, in einem zu Tode langweiligen Zimmer, war es hell und leer. Aus dem geschlossenen Nebenraum — er schien schwer von Menschen — erschollen gedämpfte Fragen — tropfende Buchstaben antworteten endlos. Manchmal schienen die Fragen mit den Buchstaben unzufrieden, dann begann es wieder von vorn. Schließlich schlich sich eine Stimme auf den Zehen bis zur Tür und meldete breitgequetscht vor Rührung:

„Neieschte Nachricht aus der Hell: Der Nero fangt ebe aan zu bereie.“

Friedolin Eisele, Präsident der Theosophischen Gesellschaft zu Bopfingen, stand im Salon und zog Horus durch einen Spalt ins verdunkelte Sitzungszimmer, aber auch dort flammte es jetzt auf; die Herren verlangten eine Pause. Man rief nach Whisky-Soda.

Um den ovalen hölzernen Tisch des kleinen Raumes, Lady Cadogans Ankleidezimmer, von dessen Fußboden der Teppich zurückgerollt worden war, saßen Knie an Knie etwa acht bis zehn Personen. Eben fiel die geschlossene Kette ihrer Hände, die bisher wie Polypen die Platte umspannt gehalten, auseinander.

„Wir haben heute Tiefergreifendes erlebt,“ begrüßte ihn die Hausfrau, „es war direkt eine Eingebung von mir, after dinner den heiligen Abend noch der Geisterwelt zu widmen. Das mit Nero haben Sie ja schon von unsrem lieben Adepten Eisele erfahren, aber auch ganze Schwärme andrer Seelen verdrängen einander heute förmlich aus dem Tisch. Einer sprach so komisch, wir dachten schon, es sei vielleicht Buddha. Darum ließ ich Sie heraufbitten, uns sein Sanskrit oder Pali zu übersetzen — denn,“ fügte sie zögernd hinzu, „vielleicht fällt ihm das Englische schwer.“

„Unsinn, Eveline,“ verwies sie Muriel Hitchcock, sich die Nase pudernd.

„Wenn es doch Nero konnte und ohne einen einzigen orthographischen Fehler zu klopfen, the darling, so rührend zerknirscht er auch war. Habe ich nicht recht, Monseigneur?“ wandte sie sich an den zwergischen Franzosen ihr gegenüber.

Monseigneur aber hatte nicht zugehört; er versuchte so angestrengt, mit Gloria Rawlinson, die gleich einer wunderschönen, nie angezündeten Lampe, weiß und golden dastand, ein Gespräch in Fluß zu bringen, daß ihm der Schweiß ausbrach. Er war vom Typ jener kleinen, instinktschwachen Rattler; überall, wo es mondän zugeht, wandern auch sie von Schoß zu Schoß, ohne daß man wüßte, wem eigentlich zur Lust sie gezüchtet werden. Sein Adjutant: Aquetil du Perron, von Schädel halb Birne, halb Schaf, massierte still seine weißverkrampften Finger und ließ sich von Winifred Cadogan mit petit Fours füttern. Madame Bavarowska, voll und wild, siebenarmige Leuchter in den Ohren unter der Carmenfrisur, erzählte unterdessen von einem sensitiven Kind, das sie einmal in der society of psychical research in London zur Beobachtung gehabt.

Sonst ein liebes Kind, aber — wie Kinder schon einmal sind — nachlässig eben, immer ließ es beim Spazierengehen seinen Astralkörper hinten hinaushängen. Ununterbrochen hieß es da aufpassen und hinterdrein sein, um ihn, wenn nötig, zurückstopfen zu können. In Oxfordstreet sei es einmal deshalb fast zu einem Skandal gekommen, denn das Publikum — in Astralkörpern wenig erfahren — vermutete etwas Unsittliches und bohrte die Regenschirme hinein.